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Dreimal Beethoven beim 1. Sinfoniekonzert der Trierer Philharmoniker

Musik : Im Reich der Entdeckungen: Dreimal Beethoven beim 1. Sinfoniekonzert der Trierer Philharmoniker

Überzeugender Start in die Konzertsaison: So war das 1. Trierer Sinfoniekonzert in der Europahalle.

Das Programm wirkt auf den ersten Blick wenig ambitioniert: Dreimal Beethoven zum verspäteten Jubiläum des großen Klassikers und dazu ein Violinkonzert von Kurt Weill aus dem Jahr 1924 – das nimmt sich nicht gerade sensationswütig aus. Aber was dem 1. Trierer Sinfoniekonzert an äußerer Attraktivität fehlen mag, ersetzt es durch eine überraschende Vielfalt in Musik und Interpretation. Generalmusikdirektor (GMD) Jochem Hochstenbach und die Trier Philharmoniker geleiten die Besucher in der eher schwach besetzten Trierer Europahalle mitten in das weite Reich musikalischer Entdeckungen.

Die Reise ins Innere der Musik beginnt mit einer ungemein konzentriert und unter Hochspannung musizierten Ouvertüre „Leonore III“. Hochstenbach und die Philharmoniker haben nicht nur am großen Bogen der Komposition gearbeitet, sondern an den Details gefeilt. Und da zeigt sich: Es sind gerade die kleinen, scheinbar banalen Motive, aus denen Beethoven das Wunderwerk dieser Komposition baut. Der Trierer GMD und sein Orchester entwickeln mit diesen Details eine Energie, die sich erst nach dem Einsatz der Ferntrompete triumphierend löst. Welch eine ungeheure Musik!

Die Aria „Ah perfido“ ist ein Frühwerk – gewiss. Aber Sopranistin Arminia Friebe  stellt das Werk so überzeugend zwischen Mozarts Schönheiten und Wagners Dramatik, dass in ihm Vergangenheit und Zukunft zugleich aufleuchten. Es ist eine Musik zwischen den Zeiten. Hochstenbach  begleitet mit den Philharmonikern dazu so sorgfältig, sensibel und hellhörig, dass auch im Orchester nichts verloren geht an Rückblick und Vorschau.

Und noch vor der Pause erneut eine Entdeckung und eine zweifache dazu: Kurt Weills Konzert für Violine und Bläser macht vordergründig wenig her; die Orchesterbesetzung mit Bläsern, kleinem Schlagzeug und vier Kontrabässen ist ungewöhnlich und wenig erprobt. Aber es ist eine ehrliche, ungeschminkte Musik, die der junge Weill geschrieben hat, ganz nah an der Neuen Sachlichkeit der 1920er Jahre. Der Komponist will nicht überreden, sondern überzeugen, er gibt Emotionen nicht vor, sondern überlässt sie dem Zuhörer.

Und dann die Interpretation. Wie der gerade mal 19-jährige Tassilo Probst an die spröde und schwierige Solopartie herangeht, in der jede der zahlreichen Noten verstanden und eingeordnet werden will, das ist fast ein kleines Wunder. Probst ist technisch absolut souverän. Aber er vermeidet alle Virtuosengesten. Der Interpret tritt zurück hinter die Komposition. Hochstenbach und die Philharmoniker binden ihn zudem ein in Weills plastischen Orchesterklang. Und diese Integration gibt der Musik einen sehr charakteristischen Reichtum an Klangfarben.

Einfach schließlich ist Beethovens 1. Sinfonie für Interpreten sicherlich nicht. Aber Hochstenbach und sein Orchester entdecken, was Beethoven zu Beethoven macht – seine prägnante, kompakte und doch flexible Tonsprache. Die sehr entschiedenen und lautstarken Höhepunkte, sie geraten nicht steif und fest, sondern behalten eine gewisse Leichtigkeit. Die Pointen zu Beginn von Kopfsatz und Finale werden sorgfältig ausgespielt. Und der zweite Satz, ein Andante cantabile con  moto, er schwingt ganz sacht und leicht aus. Eins wird dabei ganz deutlich: Diese Sinfonie ist kein demütiges Protokoll bestehender Machtverhältnisse mehr. Sie ist ein humaner Appell an Individuen – vorsichtig und doch unüberhörbar. Das Reich der Entdeckungen wird zum Reich der Freiheit.