"Du könntest eine Minute vom Glück entfernt sein"

Wittlich/Essaouira in Marokko · Ein Teil seines Lebens bringt als Kinofilm "Ziemlich beste Freunde" Menschen zum Lachen. Seine auf Deutsch erschienene Autobiografie führt die Bestsellerliste an: Philippe Pozzo di Borgo spricht im TV-Interview über Humor, Respekt, seine Liebe zur Musik und zu den Frauen.

 Aristokrat und Menschenfreund: Philippe Pozzo di Borgo. Foto: Stefan Nimmesgern

Aristokrat und Menschenfreund: Philippe Pozzo di Borgo. Foto: Stefan Nimmesgern

Wittlich/Essaouira in Marokko. Philippe Pozzo di Borgo (61) ist seit einem Unfall ab dem Hals gelähmt und fasziniert Millionen Menschen. Sie gehen ins Kino, lesen seine Autobiografie. Mit Deutschland verbindet ihn klassische Musik und Thomas Manns Zauberberg. Interviews hierzulande sind rar. TV-Redakteurin Sonja Sünnen hat ihn befragt.
Humor, Witz, Ironie, Sarkasmus. Es gibt viele Facetten dessen, worüber und wie der Mensch lacht. Was glauben Sie, welche Qualität des Films eint Menschen mit all ihren Unterschieden und schafft es, sie gemeinsam lachen zu lassen?
Philippe Pozzo di Borgo: Der Film dreht sich um einen Mann reifen Alters - ich war zur Zeit, um die es geht, 50 Jahre - aus wohlhabenden Kreisen und einen jungen Mann nordafrikanischer Herkunft aus einfachen sozialen Verhältnissen. Damit tangiert er alle Gesellschafts- und Altersschichten. Es ist ein Film mit temporeichem Humor, auf künstlerische Weise wundervoll realisiert. Er pendelt ständig zwischen Lachen und Ernsthaftigkeit, behandelt ein Thema, das jeder tief in sich spüren kann: die Notwendigkeit, den anderen zu respektieren, um eine menschlichere Gesellschaft zu ermöglichen.
Stichwort "political correctness", es gibt Tabus fürs Witzemachen. Was meinen Sie: Sind Witze über Handicaps diskriminierend - oder ist es diskriminierend, über Handicaps per se aus Taktgründen keine Witze zuzulassen?
Pozzo di Borgo: Es ist schon diskriminierend, über irgendein Thema jemanden eben nicht zum Lachen zu bringen. Das ist ein sehr amerikanischer Ansatz, der davon ausgeht, dass es Dinge gibt, über die nicht gesprochen werden darf, weil man die eine oder andere Minderheit schockieren könnte. Dabei gibt es im Gegenteil eine Art, jemanden über etwas zum Lachen zu bringen, die das Individuum respektiert: Dazu braucht es eine bestimmte Leichtigkeit, geistreiches Fingerspitzengefühl, Mitfühlen. Sowieso ist Humor eine zweiseitige Angelegenheit, niemals eine Einbahnstraße. Und im Film macht man sich nicht nur über den Behinderten oder den Flegel, sondern auch über die sogenannten normalen Menschen auf freundlich-nette Art lustig.
Worüber haben Sie zuletzt gelacht?
Pozzo di Borgo: Ich erhielt ein Magazin, auf dem ein Foto von François Cluzet und Omar Sy (Die Darsteller im Film, Anmerkung der Redaktion) zu sehen war. Meine jüngste Tochter, Wijdane, fünf Jahre alt, rief: "Papa, Papa!". François Cluzet ist wirklich tief in seine Rolle, mich zu imitieren, eingetaucht.
Und wer nicht mehr wirklich lachen kann, verzweifelt ist, was kann ihm eine Tür hinaus sein?
Pozzo di Borgo: Die Tristesse kommt zu dem, der einsam ist, und unsere urbane Gesellschaft fördert diese Einsamkeit. Ein Rezept dagegen ist: den anderen zu akzeptieren, sich menschlich zu bereichern am Austausch mit dem Gegenüber, neugierig zu sein auf das Andere. Auch das Lachen ist Teil des Glücksgefühls. Im Gegensatz zu den Werten, die allgemein verbreitet sind, findet sich aber Glück nicht in einer rein persönlichen Befriedigung, sondern in den kleinen Dingen, die man mit anderen teilt.
Die einfachen Dinge gut zu machen kann eine Kunst sein. Sie sagen, Sie lieben die einfachen Dinge wie den Kaffee am Morgen. Welche einfachen Dinge können Sie selbst gut machen oder bemühen sich um die Kunst, sie irgendwann gut zu machen?
Pozzo di Borgo: Ich liebe es, am Hafen von Essaouira an der Ostküste Marokkos zu verweilen. Ich schaue den Fischern zu, den einen, wie sie sich für die Fahrt aufs Meer bereitmachen, oder den anderen, wie sie ihre Schiffe vom nächtlichen Fang entladen. Oft liegt dabei mein Hut auf meinen Knien, und oft legen mir Menschen aus einfachen Verhältnissen ein Geldstück hinein, was ich nie zurückweise. Wenn etwas das Herz sehr berührt oder auch stark empört, kann all das ein Anlass entweder für Bewunderung oder sogar Handeln werden. Egal, worum es geht, so klein der Einsatz auch sein mag, er bestimmt bereits, welche Folgen er hat. Man kann es leicht oder schwer finden, aber wie schon Aristoteles sagt: Es wird vom gesunden Menschenverstand im Herzen bestimmt.
Vermutlich werden viele Frauen Sie lieben, wenn sie hören, welche Eigenschaften Sie weiblich nennen. Sie sagen: "Dank der Frauen habe ich überlebt". Andere könnten sagen: Zur Frau wird man nicht geboren, zur Frau wird man gemacht! Wie sehen Sie das?
Pozzo di Borgo: Ich kann ja nicht anstelle dieser Damen antworten, und es ist für mich schon schwierig genug, ein Mann zu werden, um auch noch darüber nachzudenken, wie es sein könnte, zur Frau zu werden! Was ich aber weiß, ist, dass ich Frauen viel verdanke, ihrer Feinfühligkeit, ihrer Aufmerksamkeit für den anderen - insbesondere für Schwächere -, ihrer unbegrenzten Zärtlichkeit, ihrer sinnlichen Schönheit, die die Brutalität unserer Welt vergessen lässt. Also: Frauen in allen Lebensbereichen an die Macht! Das wird uns lehren, besser zu leben.
Mann, Frau - ein existenzielles Thema einer Suche, die in glücklichen Fällen mit dem Finden eines Du zum Ich führt. Aus Ihrer Erfahrung: Wie kann daraus ein Wir werden, das Ich und Du nicht wieder trennt?
Pozzo di Borgo: In jeder Beziehung sollte es keine Fusion, keine totale Vereinigung geben, sonst droht die Gefahr eines Endes. Ich möchte auf eine schöne Charakterisierung von Montaigne über die Freundschaft hinweisen: "Weil er er war, weil ich ich war." Ähnlich gibt es eigentlich kein "Wir": "Weil sie sie war, weil ich ich war" - jeder von uns in und mit seiner eigenen Identität. So ist das auch bei den Menschen, die der Film zeigt: Sie respektieren ihre Unterschiede, und keiner drängt darauf, dem anderen ähnlich zu werden.
Film ein Erfolg, Buch ein Erfolg. Fehlt womöglich: ein Lied! Können Sie singen, welche Melodie liegt Ihnen am Herzen, ist die Stimme das schönste Instrument, welcher Klang lässt Sie nicht unberührt?
Pozzo di Borgo: Die Melodie, die mir am Herzen liegt: "Das Lied von der Erde" von Gustav Mahler, die vier letzten Lieder von Richard Strauss, die "Norma" von Bellini, die "Sonaten für Viola" von Brahms ... Die menschliche Stimme ist sicher das schönste Instrument - aber erst nach dem Violoncello und den anderen. Und solange ich selbst nicht singe, ist alles in Ordnung.
Wunderbar ist die Filmszene, in der die klassische Musik auf moderne Stücke trifft. Hören Sie Songs, die Sie ohne Abdel Sellou nie kennengelernt hätten?
Pozzo di Borgo: Bedauerlicherweise bin ich unverbesserlich und der Klassik verbunden - obgleich sie für mich bis zu Schnittke reicht. Abdel ist da weitaus stil ungebundener. Mittlerweile hört er den lieben langen Tag Bach, ich habe ihn sogar schon die "Vier Jahreszeiten" von Vivaldi singen gehört.
Apropos Kino: Welchen Film mögen Sie denn besonders…?
Pozzo di Borgo: Ich war nie wirklich ein begeisterter Kinoliebhaber, ich habe von Kino eigentlich keine Ahnung, obwohl meine Tante - die Schauspielerin Odile Versois, eine der vier Schwestern Poliakov - meine Kindheit und Jugend sehr geprägt hat. Aber sie hat mir vielmehr die Tür zur russischen Literatur geöffnet als die zu den sehr schönen Filmen, in denen sie mitgewirkt hat. Kürzlich habe ich den sehr schönen Film "Black Swan" gesehen, seine Ästhetik hat mich berührt.
Im ZDF-Interview mit Ihnen hört man viele Vögel singen. Die können, was Sie fasziniert, fliegen. Verbindet Sie ein persönliches Erlebnis mit diesen Tieren oder zum Beispiel mit dem angeblich besten Freund des Menschen, dem Hund?
Pozzo di Borgo: Ein Komponist, den ich sehr schätze, ist Olivier Messiaen. Er ahmt Vogelstimmen in seinen Klavierpartituren nach. Eigentlich haben mich Vögel nie besonders angezogen, außer wenn ich mit dem Gleitschirm flog, denn sie sind nützlich, um gute Aufwinde mit warmen Luftmassen anzuzeigen. Wir hatten immer Hunde, die ich bei mir hatte, als ich noch laufen konnte. Sie haben mich auch auf dem Land begleitet, besonders als ich so tat, als sei ich ein Jäger.
Im Deutschen wie im Französischen gelten die Augen als Fenster zur Seele. Welche Augenblicke sind Ihnen besonders kostbar?
Pozzo di Borgo: Die Begegnung mit Béatrice (seiner ersten, verstorbenen Ehefrau, Anm. d. Red.) auf dem Innenhof der Fakultät der Universität von Reims, 1969 mitten im Streik. Ich war für, sie gegen den Streik - als Tochter des Präfekten. Ich habe innerhalb einer halben Sekunde die Lager gewechselt … Und als ich in einem Riad in Marrakesch 2003 einen Schwächeanfall hatte. Als ich zu mir kam, sah ich Khadijas Gesicht (Khadija ist seine zweite Frau, mit der er in Marokko lebt, Anm. d. Red.), die mich beruhigte. Ich habe die Situation ein bisschen ausgenutzt und meine Unpässlichkeit auf eineinhalb Stunden ausgedehnt, um sie nicht aus den Augen zu verlieren …
Und noch etwas: Mich hat überrascht, dass ein Film, der auf typische Gegebenheiten der Metropole Paris und der Begegnung zwischen einem Pariser Bourgeois mit einem Mann aus der Banlieue aufbaut, in Deutschland auch "funktioniert". Das war ein Vorurteil! Welches Vorurteil haben Sie denn über Deutschland?
Pozzo di Borgo: Zunächst: Es geht nicht um einen Bourgeois, sondern um einen Aristokraten, auch wenn mich Abdel immer "der kleine große Bourgeois" nannte. Ansonsten hatte ich nie ein Vorurteil über Deutschland. Und sollte ich ein einziges Buch für ein Exil auf einer Insel wählen, es wäre Thomas Manns "Zauberberg". Ganz abgesehen von der Musik, davon würde ich das ganze deutsche, klassische Repertoire mitnehmen. Von der deutschen Gesellschaft könnte Frankreich etwas über ein besseres Zusammenleben, über Teamgeist bei einer gut gemachten Arbeit und etwas über ein besonderes Heimatgefühl, auf das man auch stolz ist, lernen. Wären die Franzosen so, müssten die Deutschen dann aber besser auf ihre Wirtschaftsmärkte achtgeben.
Und welche Haltung oder Lebensweisheit aus Ihrer neuen Heimat Marokko gefällt Ihnen?
Pozzo di Borgo: Zwei arabische Sprichworte: "Gib nie auf, du könntest gerade eine Minute vom Glück entfernt sein!" "Wer es eilig hat, der ist schon tot." Und: Ein schicksalhafter Moment kann das Leben ändern.
Zum Schluss: Was halten Sie vom Film?
Pozzo di Borgo: Ich hatte es natürlich nicht nötig, ihn zu sehen, um die Geschichte kennenzulernen! Ich finde, dass sie sehr schön erzählt ist. sos
Extra

Ein Teil des Lebens von Philippe Pozzo di Borgo, der nach einem Gleitschirmunfall vom Hals ab gelähmt ist, ist verfilmt und auch in Deutschland ein Kinoerfolg. Mehr als 7,5 Millionen Besucher haben "Ziemlich beste Freunde" (mit François Cluzet als Philippe Pozzo di Borgo und Omar Sy als Abdel Sellou, im Film Driss genannt) gesehen. Erzählt wird die Geschichte des französischen Aristokraten und seines Pflegers auf Grundlage von Pozzo di Borgos Buch "Le second souffle", das unter dem gleichen Titel wie der Film auch auf Deutsch vorliegt (Hanser, 14,90 Euro) und auf Platz eins der Spiegel-Bestsellerliste steht. In Frankreich läuft der Film (Drehbuch und Regie: Eric Toledano und Olivier Nakache, ebenfalls als Sensationserfolg unter dem Titel "Intouchables") und hatte bisher 19 Millionen Besucher. In der Region läuft der Film (ab sechs Jahren) im Broadway und Cinemaxx in Trier und im Kinopalast Vulkaneifel in Daun. Der 1951 geborene Pozzo di Borgo lebt mittlerweile in Marokko. Das Interview wurde per E-Mail geführt. Bei der Übersetzung halfen Jerome Gascoin und Olivier Riffaud. sos

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