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Düsterer Blick in die Zukunft

Düsterer Blick in die Zukunft

Verhaltener bis ablehnender Resonanz begegnete die Premiere und deutsche Erstaufführung des Schauspiels "Wellenreiter" von Xavier Durringer im Theater Trier. Das lag sicher nicht an den (herausragenden!) Darstellerleistungen, sondern am Stück selbst, das mit sprachlicher und bildlicher Drastik einen gesellschaftlichen Zukunftsalbtraum entwirft.

Trier. "Mal sehen, was uns erwartet." Mit einer Mischung aus Neugier und Skepsis kommt das Publikum am Frühsommerabend ins Theater - und erlebt einen Kontrast zur heiteren Stimmung draußen, wie er größer nicht sein könnte. Die Bühne (Gerd Hoffmann) zeigt Ruinen menschenfeindlicher Betonarchitektur, eine graue, in giftgrünes Licht getauchte Müll-Wüste mit im Hintergrund heulenden Wölfen. Auftakt einer Folge düsterer, beklemmender Bilder um die Geschichte von Politiker Lalande (Jan Brunhoeber). Er und seine Frau Odile (Claudia Felix) prallen mit dem naiven Wahlkampfprogramm "Eine Zukunft für alle" auf eine dagegen völlig immune, nach eigenen Gesetzen funktionierende Parallelgesellschaft aus Arbeitslosen, Fixern, Dealern, Prostituierten und Migranten. Die antwortet mit Revolution und ändert, ebenfalls bar wirklicher Visionen, genauso wenig an den Verhältnissen wie Lalande, der nur Marionette mafiöser Berater ist. In szenischen Momentaufnahmen, Fetzen ohne stringente Handlung und psychologisch nachvollziehbare Entwicklung der Charaktere wird ein Zustand beschrieben, dessen realistische Bezüge das Publikum lachend bestätigt. Das Lachen bleibt im Halse stecken

Wenn der zwielichtige Berater Zalberg (Klaus-Michael Nix) erklärt: "Jede Partei lebt von ihrer Aura und stirbt an ihrer Politik", oder wenn der Unterschicht-Sympathieträger "Murmeltier" (Hans-Peter Leu) sagt: "Unsere Väter starben an zu viel Arbeit, meine Söhne gehen an zuwenig Arbeit zu Grunde". Doch das Lachen bleibt angesichts überwiegend brutaler Überhöhung der Realität meist im Halse stecken. Was der Autor an abstoßend obszöner Sprache und Eskalationsszenarien vorgibt, setzt Gerhard Webers Inszenierung konsequent in schonungslose Bilder um. Da hängt Vlatco, der "Mann für alles" (Manfred-Paul Hänig) Fixer Jonk (Alexander Ourth) nackt an den Füßen auf oder Dealer Charal (Enrico Spohn) tritt Migrantin Kudi (Hille Beseler) in den Bauch. Sicher gibt es im täglichen Fernsehprogramm Schlimmeres zu sehen. Doch hier fehlt die Bildschirmdistanz, dazu intensivieren ausgefeilte und sehr stimmige Lichtregie, Musik (Hennes Holz), Kostüm (Claudia Casera) und Maske die Wirkung. Für viele unerträglich - nach der Pause sind die Reihen noch lichter als zu Beginn. Wer unbeeindruckt von Schockeffekten bleibt, kämpft spätestens im zweiten Teil mit Überdruss durch Überfrachtung. Die Regie wartet buchstäblich mit Knalleffekten auf. Der Autor, bemüht um ein komplexes Bild gesellschaftlicher Wirklichkeit, reißt zu viele Themen an, zeichnet zu viele Charaktere. Die der "Underdogs" zwar mit Liebe, indem er ihnen Würde und Menschlichkeit verleiht. Doch man ertappt sich bei Abwehr gegen das Verständnis für eine Welt, mit der man keine Berührung haben möchte, schon gar nicht nach den Jugendunruhen 2005 in Frankreich, die hier prophetisch vorweggenommen wurden. Die Kluft der Schichten im Stück tut sich auch zwischen Zuschauerraum und Bühne auf. Weniger wäre mehr gewesen, mit einer Ausnahme: der Leistung der Darsteller. Keiner von ihnen ist um seine Rolle zu beneiden, ob die schon genannten oder Verena Rhyn und Vanessa Daun als zur Prostitution gezwungene Schauspielerinnen, Michael Ophelders als Peep-Show-Theaterleiter, Tim Olrik Stöneberg als gescheiterter Revolutionär oder Peter Singer als verbitterter Kriegsfotograf. Ein intensiv gespielter, düsterer Abschluss des Spielzeitthemas "Visionen". Weitere Termine: 21., 25. April, 4., 8. und 13. Mai.