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Durch die Jahre mit ... Michael Kernbach: Der Trierer über Goldene Schallplatten, Guildo und eine Pop-Studie

Durch die Jahre mit ... Michael Kernbach: Der Trierer über Goldene Schallplatten, Guildo und eine Pop-Studie

Der gebürtige Trierer Musiker und Autor Michael „Kerni“ Kernbach (51), seit Jahren in Bonn zu Hause, erinnert sich im Volksfreund-Porträt an lange Charts-Aufenthalte, große Konzerte und eine kleine Wimbledon-Enttäuschung – und er sagt, warum eine Pop-Berufsschule eine gute Idee für Trier sein könnte.

Popmusik ist auch nicht mehr das, was sie mal war. Vor 20 Jahren: Rund 80.000-Mal geht "Sternstunden der Zärtlichkeit" über die Ladentheken, das Debüt von Guildo Horn & Die Orthopädischen Strümpfe beim Musikriesen EMI. Das wäre heute eine sehr beachtliche Zahl für eine deutsche Band. Und damals? "Die waren total unzufrieden und hätten uns fast rausgeworfen", erinnert sich Michael Kernbach, damals "Strümpfe"-Bassist. "Damals war das EMI-Areal groß wie ein Fußballstadion. Heute ist da nur noch ein Zwei-Mann-Betrieb. EMI gibt es in der Form ja gar nicht mehr."

Das sagt einiges über die Entwicklung in der Musikszene in den vergangenen zwei Jahrzehnten aus. Es wird mehr Popmusik gehört denn je - auch dank der Streamingdienste. Und weniger denn je verdient. Popmusiker bleibt trotzdem für viele ein Traumjob. Dabei sei das Geschäft schwierig geworden. "Heute zahlen Bands teilweise noch dafür, dass sie Auftritte bekommen", sagt Kernbach: "Da hätten wir in den 90ern die Veranstalter ausgelacht."

Umso wichtiger ist für den Musiker, Autoren und Musikschulbetreiber, dass potenzielle Popmusiker eine praxisnahe Ausbildung erhalten. In einer vom Land mitbeauftragten ersten Studie sieht er Trier als möglichen Standort für eine Pop-Berufsschule. Ob das finanzierbar und überhaupt gewünscht ist, ist noch offen. 1,2 Millionen verkaufte CDs in Deutschland?

Das schaffen heute selbst die meisten Pop-Weltstars nicht mehr. Anfang des Jahrtausends war das noch anders. Da gab's für Michael Kernbach Goldene Schallplatten - als Co-Autor der Radio-Comedy "Gerd Show", eine Parodie auf den damaligen Kanzler Gerd Schröder und andere Politiker. "Das war 2002, 2003. Die Gerd Show hatte insgesamt sieben Top-20-Hits", erinnert sich Kernbach. "Die Texte haben wir zu dritt geschrieben."

Den Produzenten Peter Burtz kannte "Kerni" noch aus früheren Zeiten beim damaligen Musikriesen EMI, bei dem Kernbach als Teil von Guildo Horn & die Orthopädischen Strümpfe unter Vertrag stand. Für die Stimmenimitationen sorgte Elmar Brandt. Der mit Abstand größte Hit der "Gerd Show" war der "Steuer Song", basierend auf dem 2002er Sommerhit "Ketchup-Song": Die Kanzler-Parodie hielt sich 19 Wochen in den Charts, erreichte Doppel-Platin. Auch bei einigen weiteren Projekten hatte Kernbach die Finger im Spiel: Etwa beim Comeback von Schlagersänger Michael Holm ("Mendocino") und dem Kurz-Comeback der Trierer Band Lusthansa ("Die waren ein Grund, warum ich mit dem Musikmachen angefangen hatte.") Ein Plattenlabel in der Tufa?

Eine Pop-Rock-Schule in Trier? Kernbach hat im Auftrag des Vereins " Kulturraum Großregion " und des Bildungsministeriums eine aktuelle Machbarkeitsstudie zum Thema Popmusik-Ausbildung in der Region vorgelegt. Herausgekommen ist die Idee, "eine grenzübergreifend organisierte Berufsfachschule für Popmusik aufzubauen", ein praxisorientierter Ausbildungsgang. "Das wäre für Trier interessant und relevant. Das sieht man an einem Beispiel wie Mannheim: Die Stadt hat durch die Popakademie ein ganz anderes Standing."

Dabei gehe es nicht nur ums Künstlerisch-Kreative - gerade in Zeiten, in denen nur noch wenige Tonträger verkauft werden: "Die betriebswirtschaftlichen und administrativen Aspekte sind genauso wichtig. Das muss alles praxisnah sein."

Kernbach hat sich in der Großregion umgeschaut: Vor allem im Netzwerk „Multipistes“ gebe es schon gute Strukturen mit Teilnehmern aus der ganzen Großregion. Diese Erfahrungen könne man nutzen. Und das Musiklabel in der Tufa? Ist erstmal nur eine Idee von Kernbach. "Zwei Räume und Internet - mehr braucht dafür heute nicht mehr." Noch steckt die Pop-Ausbildungsidee im Anfangsstadium: "Der nächste Schritt wäre ein Businessplan, der Kosten und Inhalte beleuchtet." Steffi Graf und das Kulturressort?

Für die Verbindung sorgt Michael Kernbach alias "Hoppla! B. Benito", Bassist und Songtexter bei Guildo Horn & Die Orthopädischen Strümpfe. Nach dem ersten Auftritt in der Trierer Tufa - das musikalische "Sechswochenamt" für den im Oktober 1991 gestorbenen Roy Black - ging es von Trier über Köln nach oben. Ein Lieblingsgig des "Ur-Strumpfs"? "Rock am Ring 1996 - auf der Hauptbühne vor Alanis Morrissette."

1998 war die Guildo-Mania auf dem Siedepunkt. Mehr Spaß hatte die Band aber in den Jahren vor dem Horn-Hype, erinnert sich Kernbach. Die Trennung verlief nicht eben freundschaftlich. Das von ihm getextete "Ich mag Steffi Graf" wurde 1994 von RTL als Wimbledon-Hymne 1994 auserkoren. Hätte also schon Jahre vor "Guildo hat euch lieb" ein großer Hit werden können. Aber Steffi spielte nicht mit. "Es war das einzige Jahr, in dem Steffi Graf in der ersten Runde ausgeschieden ist", sagt Kernbach. Ist denn schon Weihnachten?

Für Kernbach gibt es in mehrfacher Hinsicht einen Bezug zu den Rotnasigen Rentieren. Deren Sänger Helmut "Teff" Steffgen starb 2011. Das nach dem Trierer Musiker benannte „Tefftival“ ist eines der Projekte des Musiknetzwerks Trier, das von Kernbach mitinitiiert wurde . Das Festival wird in diesem Jahr zum fünften Mal in der Tufa stattfinden, wie immer am 23. Dezember, dem von den Rentieren "geerbten" Termin (in diesem Jahr wohl auch erstmals mit einem Auftritte der Rotnasigen Rentiere). Das Musiknetzwerk war angetreten, die regionale Pop-/Rock-Szene besser zu vernetzen. Nach kleinen Anlaufschwierigkeiten laufe es nun immer besser. "Wir sind auf einem guten Weg. Das Tefftival hat sich etabliert. Zudem arbeiten wir an einer Newcomer-Reihe", sagt Kernbach. Junge Bands sollen dort Auftrittsgelegenheiten bekommen. Zur Person

 Für Kernbach gibt es in mehrfacher Hinsicht einen Bezug zu den Rotnasigen Rentieren. Deren Sänger Helmut „Teff“ Steffgen (2. von links) starb 2011.
Für Kernbach gibt es in mehrfacher Hinsicht einen Bezug zu den Rotnasigen Rentieren. Deren Sänger Helmut „Teff“ Steffgen (2. von links) starb 2011. Foto: Redaktion/Archiv
 Der mit Abstand größte Hit der „Gerd Show“ war der „Steuer Song“, basierend auf dem 2002er Sommerhit „Ketchup-Song“: Die Kanzler-Parodie hielt sich 19 Wochen in den Charts, erreichte Doppel-Platin.
Der mit Abstand größte Hit der „Gerd Show“ war der „Steuer Song“, basierend auf dem 2002er Sommerhit „Ketchup-Song“: Die Kanzler-Parodie hielt sich 19 Wochen in den Charts, erreichte Doppel-Platin. Foto: Redaktion/Archiv
 Guildo Horn & Die Orthopädischen Strümpfe 1998 bei der Verabschiedung auf dem Trierer Hauptmarkt vor dem Eurovision Song Contest in Birmingham
Guildo Horn & Die Orthopädischen Strümpfe 1998 bei der Verabschiedung auf dem Trierer Hauptmarkt vor dem Eurovision Song Contest in Birmingham Foto: Redaktion/Archiv

Michael "Kerni" Kernbach: Der 51-jährige Trierer war Gründungsmitglied bei Guildo Horn und den Orthopädischen Strümpfen, wo er als "Hoppla! B. Benito" Bass spielte. Nach dem Ausstieg 1998 arbeitete er als freier Autor. Großen Erfolg hatte Kernbach im Team mit Produzent Peter Burtz und Stimmenimitator Elmar Brandt mit der "Gerd Show", inklusive Nummer- eins-Hit. Er gründete gemeinsam mit seiner Frau, Anke Beuth, in Bonn die Rock/Pop-Musikschule Popfarm. In Trier brachte er das Musiknetzwerk samt "Tefftival" (jährliches Rockfestival) auf den Weg.