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Durchgeschüttelt und gerührt am Don

Durchgeschüttelt und gerührt am Don

"Väterchen" nennen die Russen den Don, den Fluss, der sich 1870 Kilometer durch das riesige Land zieht. Der Strom ist untrennbar mit der russischen Geschichte und Kultur verbunden. Und mit der Lebensart der Kosaken, den stolzen Reiterverbänden, die ihre Heimat gegen asiatische Nomaden verteidigten.

Trier/Welschbillig. (slg) Mit der Veröffentlichung seiner Reisereportage "Väterchen Don - Der Fluss der Kosaken" hat sich Fritz Pleitgen, ehemaliger Moskau- und Washington-Korrespondent der ARD, einen jahrzehntealten Traum erfüllt. Am Samstag, 22. Mai, kommt der Duisburger im Rahmen des Eifel-Literatur-Festivals um 20 Uhr in die Kulturscheune nach Welschbillig. Der TV hat schon vorab mit dem Autor über sein Buch und über Pressefreiheit gesprochen. Das Interview führte Sarah-Lena Gombert.

Herr Pleitgen, als Vorsitzender der Geschäftsführung der Ruhr 2010 GmbH haben Sie in Sachen Kulturhauptstadt eine Menge zu tun, die Reise nach Russland ist Jahre her. Ist das Eifel-Literatur-Festival eigentlich zu spät dran?

Pleitgen: Nein, definitiv nicht. Diese Reise nach Russland ist mir in sehr lebendiger Erinnerung geblieben. Es war eine sehr schöne Erfahrung, und ich werde noch häufig darauf angesprochen. Und über Lesungen wie die in Welschbillig freue ich mich sehr.

Russland ist ein sehr großes Land. Warum haben Sie ihre Reportage ausgerechnet über den Don gemacht?

Pleitgen: Ich habe mich mit dem Don befasst, weil dieser Fluss für Russland ungeheuer wichtig ist. Ausgangspunkt war für mich der Roman "Der stille Don" von Michail Scholochow. Der Don spielt ganz einfach eine große Rolle in der russischen Geschichte. Am Don entlang hat sich das Reich in Richtung Süden ausgedehnt. Hier haben auch die Don-Kosaken gelebt, deren tragische Geschichte der Roman von MichailScholochow erzählt.

Als Moskau-Korrespondent haben Sie lange Zeit in Russland gearbeitet. Warum haben Sie mit der Reportage so lange gewartet?

Pleitgen: Ich hatte schon über Jahrzehnte den Wunsch, diese Reportage zu machen. Entstanden ist die Idee 1977, als ich noch in Russland gearbeitet habe. Bis zur Umsetzung hat es aber 30 Jahre gedauert. Ich bin froh, dass wir das nun endlich durchgezogen haben.

Zu Ihrem Buch ist auch ein gleichnamiger Film erschienen. Was glauben Sie, warum der immer noch regelmäßig auf den öffentlich-rechtlichen Sendern gezeigt wird?

Pleitgen: Solch eine Art von Reportage ist für Fernsehsender einfach die beste Investition. Die Menschen haben ein großes Interesse an fernen Ländern, und wollen auch die Hintergründe erfahren. Und die Neugier als Journalist hat mir bei der Arbeit sehr geholfen.

Haben Sie den Film zum Buch gedreht oder das Buch zum Film geschrieben?

Pleitgen: Der Film ist definitiv die Hauptsache gewesen, er hat bis heute ein mehrfaches Millionenpublikum.

Warum sollten Leute, die den Film schon gesehen haben, trotzdem noch das Buch lesen?

Pleitgen: Das Buch hat für mich persönlich eine gleichwertige Bedeutung. Denn hier konnte ich Sachen unterbringen, die im Film nur angerissen werden können. Dazu zählen Ausschnitte aus russischer Literatur. Das Buch ist also eine zweite Chance.

Welche Erfahrungen haben es nicht ins Buch und nicht in den Film geschafft?

Pleitgen: Nun, manche Dinge, die eben hinter der Kamera passiert sind. Die Umstände einer solchen Reise sind manchmal schon hart. Wir waren oft querfeldein unterwegs. Da wird man durchgeschüttelt, dass einem die Plomben aus den Zähnen fallen, das sage ich Ihnen!

Wie viel Zeit haben Sie für Buch und Film in Russland verbracht?

Pleitgen: Die Recherchereisen hat ein Team übernommen, daran war ich nicht beteiligt. Die haben sich in Russland umgesehen und einige meiner Interviewpartner gecastet. Danach haben wir die Drehreise organisiert, und waren zweimal 18 Tage lang vor Ort. Denn Zeit ist Geld. Von der Reise waren 70 Prozent vorgeplant. Vorbereitung ist für so eine Arbeit enorm wichtig.

Sie waren ja zweimal vor Ort, im Sommer und im Winter.

Pleitgen: Es war sehr kalt im Winter, eine nasse Kälte, die einem bis in die Knochen kriecht. Im Sommer war es sehr heiß, wir hatten 55 Grad Celsius. Vielleicht sogar mehr, aber unser Thermometer ging nur bis 55 Grad.

Welche der Begegnungen, die Sie am Don gemacht haben, ist Ihnen am meisten in Erinnerung geblieben?

Pleitgen: Welche genau das war, ist schwer zu sagen. Eine ganz rührende Szene war, als Leute mir ein Sofa gezeigt haben, auf dem einst General Friedrich Paulus gesessen haben soll. Die haben sich darauf gesetzt und fühlten sich wie Paulus, ein deutscher General, und die waren ganz stolz darauf. Das muss man sich mal vorstellen!

Keine kritischen Äußerungen über die Deutschen im Zweiten Weltkrieg?

Pleitgen: Nein. Denn die Menschen dort sind so liebenswert und freundlich. Und das macht mich immer nachdenklich, ob man überhaupt durch die große Politik auch auf persönlicher Ebene zu Feinden werden kann. Die Gegenwart ist für die Russen viel wichtiger als die Vergangenheit. Die haben eine positive Meinung von den Deutschen. Hier hingegen ist man der russischen Bevölkerung gegenüber sehr reserviert, das finde ich bedauerlich. Denn für diese Ressentiments gibt es keinen Grund.

Wie unterscheidet sich Ihre Arbeit in Russland von dem, was Sie heute tun?

Pleitgen: (lacht) Die Kulturhauptstadt Ruhrgebiet ist heute mein Russland und Amerika zugleich! Hier kommt zusammen, was nicht zusammengehört.

Das Ruhrgebiet ist also kultureller „Melting Pot“?

Pleitgen: Oh ja, da passiert wirklich eine Menge. Und für das Ruhrgebiet hat sich die Kulturhauptstadt schon jetzt gelohnt.

30 Jahre nach Ihrer Arbeit als Korrespondent in Moskau - wie sind heute die Arbeitsbedingungen in Russland?

Pleitgen: Die sind heute genauso wie im Westen. Früher hätte ich das nicht machen können, da hätte ich den KGB an den Socken gehabt! Aber jetzt hatte ich keine Probleme. Natürlich ist in Russland nicht alles wie in Deutschland. Dort gibt es noch keine wirklich gefestigte Demokratie. Einen kritischen Bericht hätte ich zum Beispiel nicht so leicht machen können wie diese Reisereportage. Journalisten haben dort Schwierigkeiten, die Menschen haben nicht das gleiche Presseverständnis.

Aber da sollten wir nicht arrogant die Augenbrauen hochziehen, denn auch unsere Pressefreiheit haben wir von den Alliierten.

Karten für die Lesung gibt es in den TV-Service-Centern Trier, Bitburg und Wittlich.

Extra

Der Roman „Der Stille Don“ von Michail Scholochow gilt als einer der bedeutenden Romane der sowjet-russischen Literatur. Er behandelt die Lebensgeschichte eines Donkosaken vor dem Hintergrund des ersten Weltkriegs und der Oktoberrevolution. 1965 bekam Scholochow dafür den Nobelpreis für Literatur. Kritiker bezweifeln, dass Scholochow der Autor des Werks ist.

Die Kosaken sind russische Wehrbauern, die vor allem ab dem 15. Jahrhundert rund um den Fluss Don ansiedelten. Sie verteidigten Russland gegen feindliche Stämme, beispielsweise die nomadisch lebenden Tataren. Um 1800 kämpften sie mit 70000 Männern an der Seite Russlands gegen Napoleon. Auch im Kaukasuskonflikt 2008 zwischen Russland und Georgien sollen Kosaken verwickelt gewesen sein.