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Eifel trifft Eiffel, von Walser bis Eco: Fehler in literarischen Werken

Literatur : Von der Eifel zum Eiffelturm – oder umgekehrt

Alle zwei Jahre kommt - mit dem Eifel-Literatur-Festival - die Literatur in die Eifel, bisweilen aber auch die Eifel in die Literatur. Hierzu Auffälligkeiten beim Lesen moderner Werke aus jüngerer Zeit.

Zwei durchaus peinliche Rechtschreibfehler in sogenannter ,,großer Literatur“, in Werken bedeutender Schriftsteller, publiziert in renommierten deutschen Verlagen, machten mich in den vergangenen Wochen mehr als stutzig. Im Folgenden möchte ich näher darauf eingehen, und – da die Fehler durchaus Bezug zur Region haben – einige Gedanken dazu formulieren und sie in einen größeren Kontext stellen.

Die orthografischen Fehler beziehen sich beide auf die Schreibweise des Eiffelturms, jene von Alexandre Gustave Eiffel (* 1832) ab 1887 für die Pariser Weltausstellung 1889 erbaute weltberühmte Stahlkonstruktion, die als Wahrzeichen der französischen Hauptstadt gilt.

Beginnen möchte ich mit einem Zitat aus Martin Walsers Novelle ,,Mein Jenseits“, die 2010 bei Berlin University Press erschienen ist. Da äußert der Protagonist Augustin Feinlein über einen Bekannten namens Graf von Wigolfing: ,,Unser Schicksalsweiher, sagt er. Sein Vater habe sich im Dezember 1945 an den Weiher gelegt, da, ein paar Meter neben dem Steg, der seinerseits ein Eisenbauwerk des 19. Jahrhunderts ist. Ein Eifelturm als Steg, sagte der Graf so, dass man hörte: das formuliert er immer so.“ (S. 62)

Gemeint ist also unzweifelhaft ein Vergleich mit dem Pariser Eiffelturm. Aber wieso unterläuft Walser diese fehlerhafte Schreibweise? Das mag daher kommen, dass der Autor vom Bodensee häufig in unserer Region, speziell beim Eifel-Literatur-Festival, zu Gast ist. Allein bei der von Josef Zierden organisierten Veranstaltung hat er mindestens schon fünf Mal gelesen. In seinem Buch ,,Meßmers Reisen“ beschreibt Walser unter dem Namen Meßmer seine Anreise mit der Bahn zu den Veranstaltungsorten von Köln aus. Fahrplan und Verlauf (der Eifelstrecke) sind ihm bestens bekannt: ,,Erftstadt, Weilerswist, Euskirchen, Mechernich, Kall, Urft, Nettersheim, Blankenheim (Wald), Schmidtheim, Dahlem (Eifel), Jünkerath, Lissendorf, Oberbettingen-Hillesheim, Gerolstein. Namenlyrik“. (Tb-Ausgabe 2005, S. 74)

Warum ,,Mein Jenseits“ nicht in Walsers damaligem und auch heutigem Stammverlag Rowohlt publiziert wurde, beantwortete mir der Autor in einem Interview in anderem Zusammenhang vor einigen Jahren so: ,,Das darf man nicht überbewerten. Als Gottfried Honnefelder damals vom Suhrkamp-Verlag (wo Walser jahrzehntelang veröffentlichte, Anm. der Red.) wegging, habe ich ihm gesagt, dass wir mal wieder etwas zusammen machen werden. Das ist jetzt mit der Novelle ,Mein Jenseits‘ der Fall gewesen.“

Gottfried Honnefelder ist im deutschen Verlagswesen ein großer Name: Früher Geschäftsführer bei Suhrkamp, war er von 2006 bis zum Abschluss der Frankfurter Buchmesse 2013 Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels; von 2006 bis Herbst 2014 hat er die Leitung des Verlags Berlin University Press inne. Mithin ist das Unternehmen eine wirklich gute Adresse im deutschen Verlagswesen. Bekannte Wissenschaftler, Schriftsteller und Politiker publizieren hier. Es dürfte wohl über genügend Lektoren verfügen. Doch nicht nur im Eiffelturm steckt in ,,Mein Jenseits“ der Fehlerteufel. Viele weitere überraschende Nachlässigkeiten sind hier zu finden: Mehrfach spricht Walser von ,,Schuhbendel“ (S. 33). Höhepunkt ist jedoch ohne Zweifel auf S. 69 die ,,Geschirrspühlmaschine“. Weitere Mängel wie fehlende Buchstaben oder Satzzeichen sind im Text noch häufiger festzustellen. Eine Ausnahme im deutschen Verlagswesen?

Wohl keineswegs, wie ein weiteres Beispiel aus Umberto Ecos (gestorben im Alter von 84 Jahren am 19. Februar 2016) sechstem Roman „Der Friedhof in Prag“ (2011) zeigt. In der Übersetzung des bekannten und häufig ausgezeichneten Burkhart Kroeber – der auch schon 1987 ,,Der Name der Rose“ übertragen hatte – heißt es aus dem Mund des Protagonisten Simon Simonini zum bereits von mir bei Martin Walser angesprochenen Phänomen: ,,Aber schließlich ist Paris ohnehin nicht mehr das, was es einmal war, seit man an jeder Ecke diesen Bleistiftanspitzer von Eifelturm in der Ferne aufragen sieht.“ (S. 29)

So weit die Textpassage aus Ecos „Friedhof in Prag“, 2011 als Hardcover erschienen im Münchener Carl Hanser Verlag und textidentisch als Taschenbuch 2013 bei dtv. Die Rede ist hier ausschließlich von der deutschen Übersetzung, denn im italienischen Original „Il Cimitero di Praga“ von 2010 , erschienen bei Romanzo Bompiani in Mailand, heißt es korrekt: „Tour Eiffel“ (S. 29). Es ist bezüglich Kroebers Übertragung festzuhalten: Wieder ist der ,,Eiffelturm“ fälschlicherweise – wie bei Walser – nur mit einem ,,f“ geschrieben. Und das in einer Übertragung eines hochdekorierten Übersetzers, die zudem durch ,,ein Stipendium des Deutschen Übersetzerfonds gefördert“ wurde! Doch ist der ,,Eifelturm“ nicht der einzige Lapsus des Werkes, angeführt sei an dieser Stelle nur noch eine Fundstelle vom Ende des Romans, als der Bombenleger Gaviali erklärt: ,,Ich empfehle dringend, nie die Reihenfolge der Operationen umzukehren, denn es ist ja wohl klar, wenn man erst verbindet und dann den Wecker in Gang setzt und dann die Urzeit einstellt… bumm! Verstanden?“ (S. 509) Es geht hier also eigentlich um eine auf einem Wecker einzustellende Uhrzeit, nicht etwa um die Urzeit, in der etwa die Dinosaurier lebten.

Die väterlichen Vorfahren Gustave Eiffels, des französischen Ingenieurs und Spezialisten für sogenannte Eisenkonstruktionen, trugen seit dem frühen 18. Jahrhundert den Namen „Bönickhausen-Eiffel“ bzw. „Bönickhausen dit Eiffel“ („genannt Eiffel“). Der heute als die Eifel bekannte linksrheinische Teil des Rheinischen Schiefergebirges wurde sogar noch bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts „Eiffel“ geschrieben. Doch im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts ist die Schreibweise ,,Eifelturm“ mit einem ,,f“ für die Pariser Eisenkonstruktion schlichtweg falsch – gleich, welcher Rechtschreibung man folgt.

Anders sieht es jedoch bei folgendem Beispiel aus: TV-Redakteur Frank Giarra, in Mainz viele Jahre für die Berichterstattung unserer Zeitung über die Politik des rheinland-pfälzischen Landtags zuständig, schrieb Ende 2011 mehrfach, CDU-Landeschefin Julia Klöckner bezeichne den neuen Generalsekretär ihrer Partei, Patrick Schnieder, scherzhaft als ,,Eifelturm“ (zuerst 25. Oktober 2011) Der Bundestagsabgeordnete aus Arzfeld im Eifelkreis Bitburg-Prüm ist 2,02 Meter groß. Ein gelungenes Wortspiel, wie ich finde!

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Doch zurück zur Belletristik. Kam – wie gezeigt – die ,,Eifel“ bei Martin Walser und Umberto Eco durch orthografische Fehler zu (zweifelhaften) literarischen Ehren, sollen noch kurz zwei neuere moderne Werke angeführt werden, in denen zwar die Eifel wirklich/tatsächlich gemeint ist, sie aber auch nicht völlig/rundum positiv bewertet wird. Zwar wird sie gelobt, aber im eher negativen Zusammenhang. Zunächst sei da auf Eifel-Krimiautor Jacques Berndorf verwiesen, der seine Wahlheimat als ,,schönsten Arsch der Welt“ bezeichnet hat. Immerhin, oder etwa nicht?

Noch besser sieht es da bei Roger Willemsen aus, der vor zwei Jahrzehnten auf fünf Erdteilen unterwegs war, um seine persönlichen Enden der Welt zu finden (,,Die Enden der Welt“, S. Fischer Verlag 2010; TB, ebd., 2011). Das können große geografische, aber auch ganz individuelle Endpunkte sein. Neben Orten wie dem Himalaya, Timbuktu, Tonga, Kamtschatka oder dem Nordpol bricht der 1955 in Bonn geborene ehemalige Publizist und Fernsehmoderator Willemsen (er starb 60-jährig am 7. Februar 2016) von der Eifel aus auf: ,,Es kommt ein beliebiger Punkt. Da halten alle an, und niemand tut mehr einen Schritt. Der Wind streicht über die leere Fläche, auf der wir stehen wie zusammengefegt. Einer sagt: ,Hier ist nichts. Drehen wir um.‘ Und keiner tut jetzt auch nur einen einzigen Schritt über die imaginäre Linie hinaus. … Der Wind trägt es über das unberührte Feld. Keiner blickt zurück. Während ich mit einer Freundin noch da stehe und auf den ersten reinen Schnee sehe, in den sich kein Fuß mehr setzte. Was war es in dieser Landschaft, das sagte: Nicht weiter, geh, dreh um, verschwinde? ,Da liegt sie, die Nein sagende Landschaft. Die ist nicht für uns‘, bemerkte ich angezogen von dieser menschenabweisenden, glanzlosen, von Empfindungen unbearbeiteten Zone.“ (S. 11)

Die Kargheit des heimischen Mittelgebirges mit poetischen Worten umschrieben: Doch rühmlich ist auch diese literarische Textpassage aus Willemsens ,,Die Enden der Welt“ sicherlich nicht.

Ich halte also fest: Zwei Zitate aus neuerer Literatur, die die Eifel erwähnen (M. Walser, Eco), sind lediglich Rechtschreibfehler und haben rein gar nichts mit dem nahe gelegenen Mittelgebirge zu tun. Die beiden letzten Belege von Berndorf und Willemsen heben die wirkliche Eifel aus eher negativem Kontext hervor – ohne sie jedoch letztlich vollkommen positiv zu bewerten.

11.06.2020, Rheinland-Pfalz, Wassenach: Der Lacher See, Luftaufnahme mit einer Drohne. Der Eifel-Vulkanismus ist noch aktiv. Forscher haben gemessen, dass sich die Erde dort hebt und auch von unten nach außen gedrückt wird. Die Gefahr eines baldigen Ausbruchs sehen Experten aber nicht. (Zu dpa "Neue Studie belegt: Unter der Eifel brodelt es noch") Foto: Thomas Frey/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ Foto: dpa/Thomas Frey

Jörg Lehn