Ein Abend der verpassten Chance

Trier · Mit seinem Programm "live und unzensiert" hat der Kabarettist Kaya Yanar in der Trierer Europahalle mehr als 1200 Menschen zum Lachen gebracht. Aber kaum zum Nachdenken. Schade eigentlich, denn niemals zuvor erfuhren Yanars Kernthemen Integration und Multikulti so viel Beachtung wie in diesen Wochen.

Ob der schlanke Mittdreißiger mit den verwaschenen Jeans, den Turnschuhen und der Schiebermütze weiß, welche Chance er da gerade hat? Der 37-jährige Komiker aus Frankfurt hampelt und albert über die Bühne wie eh und je. Seit zehn Jahren ist er mit seinen Programmen im Fernsehen und auf der Bühne präsent. Er war der erste überregional erfolgreiche Komiker, der durch seinen Migrationshintergrund das Thema Integration glaubhaft persiflieren konnte, ohne dabei moralisch anzuecken. Als Sohn türkisch-arabischer Einwanderer bot ihm die eigene Herkunft genug Material für seine Kunstfiguren.

Nun, zehn Jahre nach seinem ersten Ausländer-Kabarett und acht Jahre nach dem Start seiner erfolgreichen Fernsehsendung "Was guckst Du", ist er mit seinem Thema plötzlich mittendrin in der politischen Debatte des Jahres. Und er hat eine einmalige Chance, einen bedeutsamen Beitrag zu ihr zu leisten: Umjubelt von über 1200 begeisterten Anhängern, wäre es für Yanar ein Leichtes, eine humoristische Antwort auf die Integrationsdebatte zu geben; auf die Thesen Thilo Sarrazins etwa oder auf die zuletzt gehäuft auftretenden Aussagen, die deutsche Integrationspolitik sei gescheitert. Schließlich ist er selbst das beste Gegenbeispiel. Er könnte an diesem Abend dazu beitragen, das Thema Integration von einem anderen Standpunkt aus zu betrachten: Er könnte mit Humor für kulturelle Unterschiede werben. Er könnte mit Ironie darauf hinweisen, was es bedeutet, sich in eine andere Kultur einzufügen und die eigene doch nicht zu verleugnen. Er könnte das alles sagen - humorvoll und doch tiefgründig.

Schnelle Lacher statt tiefgründige Ironie



Doch Yanar nutzt die Chance nicht. Der Comedian bringt in seinem Programm lediglich eine Zusammenschau bisheriger Auftritte. Minutenlang witzelt er etwa über die Sprache der Niederländer, lässt an Franzosen kein gutes Haar und ulkt über kleinwüchsige Japaner. Freilich, auch das ist Multikulti. Es ist in diesen Wochen aber am Thema vorbei.

Noch mehr sind es seine Kommentare zu allen denkbaren Facetten der Fortbewegung: Schweizer Geschwindigkeitsbegrenzungen, die Enge der Economy Class auf Langstreckenflügen - auf diesen Feldern sind die Lacher schnell zu holen, aber sie verhallen auch umso schneller. Ganz zu schweigen von Ausführungen über Körperbehaarung und Anmerkungen zur Wahl der richtigen Unterwäsche.

Was also an seinem Programm hat Bestand über den Abend hinaus? Yanar macht sich über die grob anmutende arabische Sprache lustig und veralbert islamistische Hass prediger. Das kann man mutig finden, und vielleicht standen ja auch deswegen zwei Sicherheitskräfte seitlich der Bühne. Er schildert seine strenge Erziehung und berichtet, wie er in der Schule von seinen Eltern in den evangelischen Religionsunterricht geschickt wurde und sein Bruder in den katholischen - weil der Vater sich nicht entscheiden konnte. Allenfalls in dieser Episode keimt Hoffnung auf, könnte man sie doch als Aufforderung dazu verstehen, es mit Religion nicht immer so genau zu nehmen. Jemand, der sich mit Recht gerne als "Deutschtürke, Turkdeutscher, Turkogermane oder Teutotürke" bezeichnet, hat die besten Voraussetzungen, um durch den Verzicht auf kurze Lacher und die Absage an allzu flache Pointen einen größeren, tiefgründigeren und vor allem humorvollen Beitrag zu dieser Debatte leisten. Kaya Yanar hatte die Chance dazu. Er hat sie verpasst.