Ein Abend für Engel

Ein Abend für Engel

Eindringlich wie selten hat Anne-Sophie Mutter am Freitag in der Luxemburger Philharmonie Johannes Brahms Violinkonzert gespielt. Das Pittsburgh Symphony Orchestra unter der Leitung von Manfred Honeck brillierte mit der Symphonie Nr. 5 von Dmitri Chostakovitch.

Luxemburg. "Sie müssen erst die Tinte trocknen lassen", ermahnt sie den jungen Mann, der glücklich die CD mit ihrem Autogramm in die Tasche steckt. Anne-Sophie Mutter hat sich als Geigerin längst ihren Platz im Musikhimmel gesichert, auf dem Boden ist sie dennoch geblieben. Mit dem Strickjäckchen über ihrem Abendkleid sieht sie so aus wie Jedermanns, wenn sie von einem Fest nach Hause gekommen sind.

Der sehnsüchtige Gesang der Geige



Wenig vorher noch hatte sie im ausverkauften Saal der Philharmonie Johannes Brahms Violinkonzert gespielt, bejubelt und bestaunt wie immer. Ein wenig gestresst wirkt sie an diesem Abend, nervös rückt sie immer wieder ihre Halskette zurecht. Noch ferner als sonst scheint die Stargeigerin, wenn sie sich im Takt der Musik wiegt, wenn der sehnsüchtige Gesang der Geige ihren ganzen Körper erfasst, sich in der Musik die innere Qual zu befreien scheint.

"Wenn Anne-Sophie Mutter spielt, hören die Engel im Himmel zu harfen auf", schwärmte schon vor Jahrzehnten die New York Times. Wenn sie jetzt in Luxemburg das in aller Welt geliebte einzige Violinkonzert von Johannes Brahms spielt, können die Engel - um im Bild zu bleiben - auf geradezu wunderbare Weise viel über menschliche Lust und menschliches Leid erfahren. Brahms Konzert ist ein feines Gewirk aus Motiven und Stimmungen, technisch zudem hoch kompliziert. Manch einer glaubt, dass der spröde Norddeutsche darin musikalisch alles entäußert, was er hinter der Fassade seines kargen Junggesellen-Lebens verschlossen hielt.

Anne-Sophie Mutter ist eine geniale Mittlerin. "Das Leben hinterlässt seine Spuren im Herzen und der Seele." Was die Geigerin unlängst bekannte, klingt in ihrem vielfarbigen Spiel. Ihr strahlender Geigenton ist der alte. Aber sie spielt mit einer kaum gekannten Innigkeit. Bei den Kadenzen hält man den Atem an, die Zeit scheint still zu stehen. Dass sie sich in der Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Musik immer wieder mit dem "Unschönen", den harten Kontrasten, dem Schrillen und Abgründigen beschäftigt, kommt ihrem Brahms zugute. Kraftvoll hatte sie den ersten Satz begonnen, wild und entfesselt klingt ihre Geige im letzen.

Manfred Honeck und das Pittsburgh Symphony Orchestra sind meist ideale Partner bei diesem Spiel. Nur manchmal etwas zu laut für die Geige. Der große Auftritt der Amerikaner kommt ohnehin erst nach der Pause. In Dmitri Chostakovitchs fünfter Symphonie beweisen die Pittsburgher und ihr Dirigent, was für ein großartiges Orchester sie sind. Honeck präsentiert ein hochdramatisches Klanggemälde aus Witz, Gewalt und Trauer, durch die bisweilen ein geradezu überirdisches Leuchten bricht.

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