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Ein Abend voller Gefühle

Ein Abend voller Gefühle

Im Programmheft des Orchestre Philharmonique Luxembourg (OPL) war zu lesen, Marie-Elisabeth Hecker spiele ihr Violoncello so, als ob sie mit ihrem Instrument im Arm auf die Welt gekommen sei. Das mag vielleicht ein wenig übertrieben sein, jedoch stand man in der Luxemburger Philharmonie schon einige Male davor, in den Superlativ zu verfallen.

Weniger die Technik Heckers wollte dazu verführen, denn wenn jemand zusammen mit dem OPL in diesem Musentempel auftritt, kann man eine gewisse technische Perfektion erwarten. Nein, es war die musikalische Reife, mit der die gerade einmal 23jährige Solistin an Edward Elgars Cellokonzert, Opus 85, heranging. Als Elgar sein Konzert schrieb, war er 61 Jahre alt und hatte gerade die Schrecken des Ersten Weltkrieges hinter sich. Mit welcher Hingabe Hecker die Verzweiflung und die Trauer, die in diesem Konzert verarbeitet sind, zum Ausdruck bringen konnte, war genauso atemberaubend. Ebenso aber schaffte sie es auch mit einer verblüffenden Leichtigkeit, den immer wieder aufblitzenden positiven Aspekten Gehör zu verschaffen, den Blick nach vorne zu richten. Die Basis dafür, dass Hecker sich traumwandlerisch in der Musik bewegen konnte, legte das OPL, das unter dem Dirigat des Finnen Jukka-Pekka Saraste stand und das nach der Pause qualitativ am ersten Teil des Abends mit Arnold Schönbergs "Pelleas und Melisande" nahtlos anschloss. Dieses Opus 5 basiert auf dem gleichnamigen Drama von Maurice Maeterlincks und gehört zu den großen tonalen Werken Schönbergs. Kann man schöner eine Liebe beschreiben, als Schönberg es hier getan hat? Mit so viel Einfühlungsvermögen? Kaum. Die andere Frage lautete in Luxemburg: Kann man dieses Notentext besser in Musik umsetzen, als es das OPL unter Saraste taten. Vielleicht ja, aber was dieser Klangkörper hier ablieferte, war absolut stimmig, ließ mitlieben und mitleiden. Durch alle Register hindurch konnte man nur Komplimente erteilen. Ein großer Abend.

Gerhard W. Kluth