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Ein Altmeister des melancholischen Trompetenspiels

Ein Altmeister des melancholischen Trompetenspiels

Erneut ist eine Jazzlegende in der Region zu Gast gewesen: Der polnische Trompeter Tomasz Stanko ist mit seinem New York 4tet im Kulturzentrum Op Der Schmelz im luxemburgischen Dudelange aufgetreten. Der 71-Jährige beeindruckte mit intensiven poetischen Klängen.

Dudelange. Tomasz Stanko Musik verbreitet zunächst eine etwas mystische Atmosphäre. Sanfte, weiche Trompetentöne und kräftige Moll-Akkorde des Pianos verbreiten tiefe Melancholie, die nur von filigranen Rhythmen des Basses und des Schlagzeugs leicht aufgehellt wird. Hat man sich erst eingehört und darauf eingelassen, verfehlt diese Musik nicht eine starke kontemplative Wirkung.
Inspiriert ist sie von Gedichten der 2012 gestorbenen polnischen Lyrikerin und Literatur-Nobelpreisträgerin Wislawa Szymborska. Nachdem Stanko sie auf einer Lesung begleitet hatte, machte er ihr Werk zum Ausgangspunkt eines Projekts mit einem ganz neu formierten Quartett.
Seine Begleiter David Virelles (Piano), Thomas Morgan (Bass) und Gerald Cleaver (Drums) hat er in New York um sich geschart, seinem zweiten Wohnsitz neben Warschau. Der Altmeister und die jungen Musiker harmonieren blendend, in geradezu intuitiver Verständigung.
Den von Szymborska in ihren Gedichten angeschlagenen Tonfall zwischen Zweifel und Ironie setzt das Quartett in ein Spiel mit wohlausbalancierten Kontrasten um. Auflösung in Form freier Improvisationen trifft auf durchkomponierte Struktur. Träumerisch zarte Balladenfragmente wechseln mit luftigen, dynamischen Bop-Passagen. Treibende Rhythmen vom Schlagzeug und vom mit viel Kraft und Fantasie gespielten Piano werden durch schalkhafte Basseinlagen unterbrochen. Thomas Morgan gibt dem Instrument einen zögerlichen, ja widerspenstigen Charakter, der sich der von ihm geforderten Lautstärke oder rhythmischen Struktur einfach verweigert.
Immer wieder nahe geht das beseelte Trompetenspiel Tomasz Stankos. Es hat immer noch den unverwechselbar schwebenden und von slawischer Melancholie geprägten Klang, mit dem der Künstler in den 1960er Jahren seine eigene Antwort auf amerikanischen Freejazz wie den eines Ornette Coleman fand. Etwas Altersmilde ist dazugekommen, was die eindringliche Wirkung aber nur unterstützt.
Einziger Wermutstropfen ist, dass jegliche Kommunikation fehlt. Stanko zeigt dem Publikum oft nur den Rücken, die einzigen Worte, die er verliert, sind die Namen der Bandkollegen, und eine Zugabe gibt es trotz kräftigen Beifalls auch nicht. Schade. ae