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Ein Amerikaner in Bayreuth

Ein Amerikaner in Bayreuth

Michael Cooper ist Musikredakteur bei der New York Times und ein erklärter Fan Richard Wagners. Nicht des Mannes wohlgemerkt, sondern seiner Musik.

In diesem Jahr war er zum ersten Mal in Bayreuth, und der Besucher aus New York betrat den Festspielbau mit durchaus gemischten Gefühlen - einerseits die erwartungsvolle Spannung, das Haus, das der Komponist gebaut hat, mit eigenen Augen zu sehen und die Musik an diesem fast schon mystisch überhöhten Ort zu hören; andererseits das Bewusstsein um die Geschichte des Gebäudes in dessen dunkelsten Jahren, als Wagners englischstämmige Schwiegertochter Winifred die obersten Nazi-Verbrecher, im Geiste vereint mit dem Komponisten in dessen Judenhass, vor Aufführungsbeginn mit warmherzigem Händedruck zu begrüßen pflegte. Vor Coopers innerem Auge erschienen auch die Hakenkreuzfahnen vor dem Gebäude sowie die einschlägigen Fotografien, die damals im Foyer hingen - zu Richards und des Reiches Ruhm. In der Pause zu "Tristan und Isolde" checkte Cooper sein Handy; ein guter Journalist, man weiß es, ist immer im Dienst, auch wenn er auf der anderen Seite der Welt seinem Hobby frönt. Die liebestragische "Tristan"-Stimmung wich einem veritablen Schock, als der Amerikaner auf dem Display seines Handys ein Meer von Hakenkreuzflaggen sah. Es war beileibe kein Flashback in eine unheilvolle Vergangenheit; es waren Bilder aus einer ebenso gruseligen Gegenwart. "Doch dieses Mal", notiert Cooper, "flatterten sie zu Hause in den Vereinigten Staaten, in Charlottesville, Virginia." Er sah Bilder von zornigen jungen Männern mit Fackeln in der Hand, die Hasstiraden gegen Juden grölten und von "Blut und Boden" schwadronierten. Und er las von einer jungen Frau, die sich gegen die Randalierer zur Wehr setzte und von ihnen ermordet wurde. "Im Jahr 2017!" Dass er diese Bilder an diesem geschichts-trächtigen Ort sah, schreibt Cooper, fügte dem Geschehen in seiner Heimat eine furchterregende Dimension hinzu. Schließlich wisse man ja, welches Ende solch unkontrollierte Gewaltausbrüche, die von einem unzurechnungsfähigen "Präsidenten" nicht verurteilt, vielleicht sogar mit klammheimlicher Freude betrachtet wurden, nehmen können. Ein paar Tage später, notiert Cooper, flog er wieder nach Hause. Obwohl er kein Deutsch spricht, verstand er die Schlagzeilen der Zeitungen, die an den Kiosken ausgehängt waren, auf Anhieb. "Der Neonazi-Mob" könnte neben "Weltanschauung" und "Kindergarten" ein weiteres deutsches Lehnwort werden, das die englische Sprache ab sofort "bereichert". Rainer Nolden Unterm Strich - Die Kulturwoche