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Festival
Ein basisdemokratischer Ameisenhaufen

Trotz vieler Besucher verfügt das Lott-Festival über eine gemütliche und familiäre Atmosphäre.
Trotz vieler Besucher verfügt das Lott-Festival über eine gemütliche und familiäre Atmosphäre. FOTO: TV / Christoph Strouvelle
Traben-Trarbach. 150 Aktive realisieren oberhalb von Enkirch das Lott-Festival – eines der größten Open-Air-Events der Region. Was anderen unmöglich erscheint, ist die große Stärke der Initiatoren: Alle Punkte werden gemeinsam entschieden.

Jedes Jahr Mitte Juli beginnt die Festivalstimmung auf dem Hunsrück, an der Mosel und in der Südeifel. Dann beginnen viele Treffen von Freunden und Bekannten mit der gleichen Frage: „Gehst Du auf die Lott?“ Das gleichnamige Festival zieht dieses Jahr zum 41. Mal bis zu 8000 Besucher auf eine Hangwiese bei Raversbeuren oberhalb von Enkirch. Drei Tage lang (vom 3. bis 5. August) erleben Cliquen sowie Familien von der Oma bis zum Enkel auf dem Festival die Musik von bis zu 25 Bands, chillen und übernachten auf dem großen Zeltgelände, das sich um das eigentliche Festwiese erstreckt.

Doch wer steckt eigentlich hinter der „Lott-Gesellschaft zur Förderung kultureller Veranstaltungen e.V.“, die das Festival plant, organisiert und umsetzt?

Die Frage ist nicht einfach zu beantworten. „Wir sind rechtlich ein Verein, haben aber keine typische innere Vereinsstruktur. Wir sind basisdemokratisch mit Initiativrecht für jeden“, sagt Gabi Kremeskötter, seit 2013 Kassiererin der Lott-Gesellschaft. „Im Prinzip sind wir wie ein Ameisenhaufen“, typisiert Leonie Gantzer, die seit 2010 bei der Auswahl der Musiker mitwirkt, die interne Arbeit. „Man wacht morgens beim Festival auf und schaut, wo was los ist und wo was gemacht werden muss“, ergänzt sie. Etwa 150 der 300 Mitglieder sind während der Lott aktiv, übers Jahr sind es etwa 50. In zahlreichen Treffen werden die unterschiedlichen Ideen diskutiert, die jeder der Aktiven mit einbringt „Jeder kann, niemand muss. Wir haben aufgrund unserer breiten Struktur viel Sachverstand und sind stark, bunt und gut genug, so dass wir uns das leisten können“, sagt Kremeskötter. Die Planungsteams setzen sich zusammen aus neuen und alten Mitgliedern. Auch Gründungsmitglieder sind noch dabei. „Sie haben das Festival vor 41 Jahren gegründet, weil sie ihre eigene Musik hören wollten“, sagt Jens Skrobotz, Beisitzer im Vorstand, dessen Metier der Bühnenaufbau und die Technik ist. Mehrfach habe sich die Lott während ihrer Zeit gewandelt. War das Festival anfangs politisch geprägt, hat es dann einen Wandel zum Gesellschaftlichen vollzogen und ist zuletzt wieder politischer geworden. „In den vergangenen Jahren hat die junge Generation innerhalb der Lott-Gesellschaft die Themen Flüchtlinge, Müll und sexualisierte Gewalt auf Festivals behandelt“, sagt Nicole Lenz, die sich beim Catering einbringt. Dieses Jahr werden Agrarthemen auf dem Podium der Waldbühne diskutiert.

Was die Lott zudem noch besonders macht: Der Verein kommt ohne finanzielle Unterstützung aus. „Das macht die Lott-Gesellschaft unabhängig vom Druck aus der Wirtschaft“, sagt Gantzer. Im Gegenteil: Mit den beim Festival erwirtschafteten Überschüssen unterstützt die Lott-Gesellschaft ihre kleineren Events wie die Weihnachtslott im Gemeindesaal Raversbeuren, bei der meist drei Bands auftreten. Und das bei niedrigen Getränkepreisen von 1,50 Euro für ein Stubbi, inklusive Pfand. „Jeder soll auf die Lott kommen können, auch die, die nicht so viel Geld haben“, sagt Skrobotz. Dazu fließt ein Teil der Einnahmen an wohltätige Zwecke, vom Kindergarten über diverse langjährige Einzelprojekte in Afrika bis hin zu Rampen vor Ort für Inlineskater. Und auch diese Ausschüttung ist basisdemokratisch geregelt. Bei der Mitgliederversammlung verteilt jeder Anwesende Punkte an die einzelnen Vorschläge. Entsprechend der Punktzahl fließt dann die Untersützung. „Das ist Demokratie. Die Lott ist sehr sozial“, sagt Kremeskötter.

August 2017: Bei den Zuschauern vor der Hauptbühne der Lott herrscht gute Stimmung.
August 2017: Bei den Zuschauern vor der Hauptbühne der Lott herrscht gute Stimmung. FOTO: TV / Christoph Strouvelle

Das einzige Sponsoring, das die Lott-Gesellschaft erhält, ist die Arbeitszeit ihrer Mitglieder. Allein 1800 Stunden Dienstzeit sind während des Festivals zu besetzen. Hinzu kommen Zeiten für Auf- und Abbau, wofür sich viele Mitglieder Urlaub nehmen. Ebenfalls wichtig für die Aktiven ist der ökologische Aspekt, der auch auf die Besucher ausstrahlt: „90 Prozent aller Camper bringen Müllbeutel mit“, freut sich Gantzer. Und wenige Tage nach dem Festival ist das Gelände sauber. Dann sind dort keine Zigarettenstummel und keine Kronkorken mehr zu finden.

Warum investieren die Aktiven der Lott-Gesellschaft so viel Zeit und Arbeit? „Es macht Spaß, etwas auszuhecken und gemeinsam auf die Beine zu stellen“, sagt Kremeskötter. Skrobotz: „Es ist ein Haufen Arbeit. Aber wenn Freitagabend die vielen Leute kommen, auf der Wiese sitzen und der Musik zuhören, dann ist alles o.k.“