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Ein Bild, drei Männer und die Freundschaft

Drei Männer am Ende und das wegen eines weißen Bildes. Szene aus „Kunst“ mit Klaus-Michael Nix, Tim Olrik Stöneberg und Paul Steinbach (von links). Foto: Theater Trier
Drei Männer am Ende und das wegen eines weißen Bildes. Szene aus „Kunst“ mit Klaus-Michael Nix, Tim Olrik Stöneberg und Paul Steinbach (von links). Foto: Theater Trier
Mit "Kunst" von Yasmina Reza hat das Theater Trier einen echten Volltreffer gelandet. Ein Stück voller Witz und Scharfsinn, klasse Darstellerleistungen und ein glänzendes Debüt des neuen Ensemblemitglieds Paul Steinbach wurden bei der Premiere im Studio mit viel Beifall gefeiert. Von unserer Mitarbeiterin Anke Emmerling

Trier. 15 Jahre lang verbindet Marc, Serge und Yvan eine harmonische Freundschaft. Doch dann kauft sich Serge, erfolgreicher Dermatologe, ein monochrom weißes Bild für 35 000 Euro. Plötzlich ändert sich alles. Marc, rationaler Ingenieur, schleudert ihm seine Kritik, das sei Auswuchs von Dekadenz, in der Kurzform "Scheiße" entgegen und schafft damit Fronten, zwischen die Yvan, der Erfolgloseste der drei, als Prellbock gerät. An einer ausweglosen Konfliktspirale droht die Freundschaft schließlich zu zerbrechen. Das ist der Stoff von "Kunst", den Regisseur Steffen Popp als ein spannendes und mit tragischer bis grotesker Komik bis zuletzt fesselndes Bühnenerlebnis inszeniert hat. Dass die scharfsinnige, vielschichtige Verhaltensstudie von Yasmina Reza in der Trierer Bearbeitung (Dramaturgie: Sylvia Martin) so sehr anspricht, liegt vor allem an der gelungenen Besetzung. Tim Olrik Stöneberg verkörpert mit stets skeptischer Miene den Zyniker, Menschenfeind und gnadenlosen Kritiker Marc ebenso perfekt wie Klaus-Michael Nix den weichen und dadurch vom Leben hin- und hergeworfenen Yvan. Ein Aha-Erlebnis bietet das neue Ensemblemitglied Paul Steinbach, der seinen Part als jovial moderner Erfolgsmensch mit großer mimischer Bandbreite mehr als ausfüllt. Alle drei wirken so authentisch, dass die Grenze zwischen Bühnengeschehen und Realität zu verschwimmen scheint. Dadurch schaffen sie Identifikationsmöglichkeiten und lassen dem Betrachter kein Hintertürchen offen, sich im Bezug aufs eigene Leben den drei Kern- und Wertfragen des Stücks zu stellen: Was ist und wie funktioniert Freundschaft, wie funktioniert Kommunikation, und was ist Kunst? Es gibt jede Menge Anknüpfungspunkte, die zum Nachdenken anregen: Gehören zur Freundschaft automatisch gleiche Wertmaßstäbe? Ist man befreundet, weil man jemanden einfach zur eigenen Ego- und Statuspflege braucht? Wie viel Ehrlichkeit verträgt Freundschaft, und wie kommuniziert man sie, ohne zu verletzen? Warum nervt einen plötzlich, was man am anderen früher reizvoll fand? Weil Wortwitz und pointierte Überzeichnung ständig zum Lachen reizen, lässt man sich gerne den Spiegel vorhalten, nicht nur als Individuum, sondern auch als Teil einer modernen Gesellschaft mit zweifelhafter Entwicklung. Die Debatte um Kunst ist eine symbolische um die Substanzlosigkeit der Moderne, um ein Aufrechterhalten von Schein um buchstäblich jeden Preis.Von Schinken und Kloschüsseln

Man ist erfolgreich, wenn man die Normen der gebildeten Oberschicht erfüllt und dieses in "Aktien" ob als Wertpapier oder Bild belegen kann. All das hinterfragt Marcs Kritik. Doch auch in der Frage verschiedener Sichtweisen und Wertschätzungen von Kunst bietet das Stück verschiedene Möglichkeiten, die die Inszenierung augenzwinkernd mit wenigen, sorgsam ausgewählten Requisiten charakterisiert. Da tauchen "Schinken" auf, ebenso austauschbare Bild-Massenware und eine Kloschüssel. Die weist immer wieder darauf hin, dass Ballast ausgeschieden werden muss, um entschlacken zu können. Ob das im Bewusstsein der drei Freunde tatsächlich passiert, lässt das Stück mit verhalten optimistischem Ende offen. Bei den Zuschauern hingegen haben sich viele Schlacken in Lachen aufgelöst.