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Ein Blick in die Vergangenheit

Ein Blick in die Vergangenheit

Abenteuer Archäologie: Was der Sternenhimmel unseren Vorfahren bedeutete und wie wir heute etwas daraus lernen können.

Trier Es wird Nacht. Auf den Feldern und Wiesen über Trier hält sich hartnäckig ein letzter Rest Tageslicht, vermischt mit dem elektrischen Leuchten der nahen Stadt, das wie ein Dunst in der Atmosphäre wabert. Lichtverschmutzung nennen Astronomen diese nächtliche Aufhellung durch moderne Lichtquellen, sagt Roland Weber und biegt von dem Feldweg ab auf einen Trampelpfad durch die Wiese. Der Hobby-Astronom ist auf dem Weg zur Sternwarte in Trier-Irsch, seit 12 Jahren ist er im Sternwarte-Verein tätig.
Vor dem überraschend kleinen Gebäude mit der typischen Kuppel warten bereits andere Mitglieder seines Vereins, die ein Phänomen am Himmel beobachten und dokumentieren wollen: Der Komet Apophis, benannt nach dem altägyptischen Gott der Finsternis und des Chaos, ist heute gut sichtbar, so gut, dass sie ihn fotografieren wollen, sagt Markus Weber, Gerätewart des Vereins.
2029 soll Apophis der Erde gefährlich nahe kommen. Vielleicht zu nahe. Mit einer Wahrscheinlichkeit von 1:300, laut einem Nasa-Bericht könnte der Komet in die Erde einschlagen. Keine bedrohliche Situation, aber eine, die von den Wissenschaftlern als beobachtenswert eingestuft wird. Genau das denken sich auch Markus Weber und die anderen Mitglieder des Vereins.
Seit Anbeginn der Menschheit schauen Menschen in den nächtlichen Himmel, nicht umsonst hat die Bedeutung der Planeten und Sternbilder in kulturelle Bereiche wie Religion, Wissenschaft und auch die Kunst Einzug gehalten. Oftmals seien gerade naturwissenschaftliche Beobachtungen des Firmaments nur deshalb gemacht worden, um eine religiöse Praxis oder aus heutiger Sicht einen esoterischen Zweck zu verfolgen, weiß Roland Weber. Der 66-jährige pensionierte Eisenbahner hat in einem kleinen Häuschen neben der eigentlichen Sternwarte seinen Laptop aufgebaut und ist dabei, eine Powerpoint Präsentation zu starten, in der er einige seiner Beobachtungen zusammengetragen hat.
Denn Weber hat neben der Astronomie noch ein weiteres Hobby für sich entdeckt: die Archäoastronomie. In dieser geht es um archäologische Funde, die Rückschlüsse auf astronomische Kenntnisse bei antiken Völkern zulassen. Von vielen altertümlichen Kulturen weiß man, dass sie enorm viel über astronomische Vorgänge und Erscheinungen wussten, dass sie Sternbewegungen berechnen konnten, mit Hilfe des Nachthimmels über Ozeane navigierten und bis heute gültige Kalender entwickelt haben.
Auch in Trier hat Weber schon einige Funde gemacht, die Rückschlüsse darauf zulassen, wie bedeutsam der Blick in den Himmel in früheren Zeiten war: So findet sich beispielsweise auf der Rückseite der Igeler Säule ein Bildnis, auf dem ein Streitwagen mit vier Pferden zu sehen ist, dazu die Darstellung eines Löwen und einer Jungfrau, der damals schon bekannten Sternbilder und Vorlagen für astrologische Zukunftsdeutungen.
Ein Löwenabbild befindet sich auch in einem Mosaik im Rheinischen Landesmuseum Trier, es ist Teil des Monnus-Mosaiks, auf dem zwei griechische Astronomen abgebildet sind, einmal Aratos von Soloi und einmal der Grieche Hesiod. Beide haben Bücher geschrieben, die Wetterverhältnisse und Arbeiten in der Landwirtschaft in Verbindung mit Himmelsbeobachtungen und den Sternbildern bringen.
Auch moderne kunstgeschichtliche Zeugnisse lehnen sich an die Tradition an, so Weber. Wie etwa die Sonnenuhr vorm Gebäude der ADD oder auch die Rückwand der Heiligrockkapelle im Dom. Diese sei so mit Steinen besetzt, dass man darin die Sternbilder zur Zeit der Wiedereröffnung der Kapelle ablesen könne, es war Mai 1974.
Alles gut dokumentierte und erforschte Beispiele, weiß Weber, über die Geschichte, Kultur und das Wissen der Babylonier, der Ägypter bis hin zu den Griechen und Römern sei vieles bekannt. Gerade in Trier, wo Leben und Wirken der Römer sogar noch deutlich zu sehen sind, erscheinen einem die antiken Feldherren und togatragenden Gelehrten oft näher als das Volk, das schon lange vor den Römern in den Wäldern und auf den Wiesen rund um das Trierer Land gelebt hat. Gemeint sind die Kelten, die hier sogar einen eigenen Namen trugen: die Treverer.
Man wisse nicht viel über die Kelten, sagt Burkard Steinrücken. Der 52-jährige Physiker ist Leiter der Sternwarte und des Planetariums in Recklinghausen und seit 2012 Vorstandsmitglied der Gesellschaft für Archäoastronomie. Eigentlich könne man sich den Kelten, ihrer Kultur, ihrem Glauben und ihrem Wissen nur vage annähern, ohne in starke Interpretationen zu verfallen. Denn die Kelten waren ein Volk weitgehend ohne Schriftzeugnisse, sie hinterließen der Nachwelt keine eigenen Papyrusrollen, Wandgravuren, Pergamentstapel oder ähnliches.
Was bekannt ist, ist dass sich ihr Lebensraum mit dem Eindringen der Römer stark verkleinerte, bis sie sich schließlich auf die britischen Inseln zurückzogen, wo ihre Kultur schließlich ganz verschwand. Zugegeben, da bleibt viel Raum für Spekulationen, Fantasie und natürlich auch esoterischen Glauben. Aber davon müsse man sich distanzieren, betont Steinrücken. Man müsse versuchen, sicheren Boden in diesem Bereich zu gewinnen, sagt Steinrücken, und nicht dem nachgehen, was moderne Esoteriker den Kelten unterstellen. Auch deswegen kommt er am Donnerstag, 22. Juni, 19.30 Uhr nach Trier. Genauer gesagt in den Hörsaal 2 im A/B-Gebäude der Universität. Dort will er auf Anfrage von Roland Weber hin seinen Vortrag "Astronomie der Kelten - Fakt oder Fiktion?" halten. Es gebe nur eine Quelle, die ausführlich über das astronomische Wissen der Kelten Auskunft gebe, sagt Steinrücken: den Kalender von Coligny.
153 Bruchstücke aus Bronze, entdeckt im November 1897 zwei Kilometer von der französischen Gemeinde Coligny entfernt, die Reste eines gallischen Kalenders, der eine Zeitspanne von fünf Jahren umfasste. Ursprünglich war der Kalender rund 150 Zentimeter breit und 90 Zentimeter hoch, gefunden wurden gerade mal 40 Prozent davon.
Es ist ein Zusammenpuzzeln mit vielen fehlenden Teilen, aber dennoch ergibt sich ein Bild.
Aufgrund der regelmäßigen Struktur könne man den Inhalt fast vollständig rekonstruieren, und der zeuge von einem breiten Wissen über Astronomie und Mathematik, sagt Steinrücken. Ein Fund, der eine Menge erahnen lasse über naturwissenschaftliches Wissen und Können der Kelten. Leider habe man zu wenig davon, um etwas dezidiert sagen zu können.
Vor allem brauche es eine Menge Funde, um archäoastronomisch arbeiten zu können: Bei bestimmten keltischen Heiligtümern in Frankreich könne man statistisch feststellen, dass sie oft zum Sonnenaufgang hin ausgerichtet waren. Daraus könne man ein bestimmtes Datum ableiten, nämlich das Beltane-Fest (den keltischen Sommeranfang), das in die Nacht auf den 1. Mai fällt. Nach dieser Nacht ging die Sonne exakt in Richtung der Tempelachse auf.
Ähnlich gehäuft hatte man in Gräbern eine Vorliebe für eine Bestattung mit dem Kopf des Verstorbenen in Richtung Süden feststellen können. Bei Einzelfunden könne auch oft der Zufall eine Rolle spielen. Oder die eigene Fantasie. Ein Archäologe aus Mainz wollte in den Grabanordnungen auf einem der größten keltischen Grabhügel auf dem Magdalenenberg bei Villingen-Schwenningen die Sternbilder wiedererkennen.
Dies müsse man zurückweisen, sagt Steinrücken, interessant sei jedoch, dass man in der Ausrichtung der Gräber eine Beziehung zu Ständen des Mondes sehen könne. Zudem gebe es auch in Frankreich und Hessen einige Gräber, die nach den Mondwenden ausgerichtet seien. Und im Land der Treverer?
Roland Weber hat ein bisschen geforscht: Auch der spätkeltische Tempel von Schwarzenbach beim Ringwall von Otzenhausen verfolgt eine Ausrichtung, die einen astronomischen Hintergrund haben könnte.
Dazu kommen die Gräberfelder in Bescheid (Kreis Trier-Saarburg) und Hochscheid (Kreis Bernkastel-Wittlich). Zwei von den Hügelgräbern in Bescheid seien durch einen 250 Meter langen Damm miteinander verbunden, der genau von Ost nach West ausgerichtet sei. Warum hat man die beiden Gräber miteinander verbunden? Und warum in einer genauen Ost-West-Ausrichtung? Ein noch größeres Fragezeichen lässt Weber bei den Anlagen in Hochscheid stehen: Erkennt man in der Anordnung einiger Gräber die Plejaden, einen Sternenhaufen im Sternbild des Stieres? Eine ernsthafte Entdeckung oder ein Spiel der Fantasie?
In Trier-Irsch fährt Weber seinen Laptop herunter, die Präsentation mit einigen Zeugnissen der Archäoastronomie aus dem Trierer Raum ist beendet. Ein historisch besonders reicher Raum, der nur so zu platzen scheint vor antiken Funden und archäologischen Baustellen. Warum noch eine weitere aufmachen?
Der Sternenhimmel sei für die Menschen seit Jahrtausenden eine Projektionsfläche gewesen für Sagen und Mythen, sagt Steinrücken. Aber auch für Erklärungen und handfeste Hilfen wie Zeitbestimmungen und Navigationen. Durch aufmerksame Beobachtungen des Himmels konnten sie Kalender entwickeln und religiöse Stätten ausrichten. Der Blick in die Sterne sei quasi der Impulsgeber für die gesamte Erforschung der Natur gewesen, sagt Steinrücken.
"Das wenige, was man über die Astronomie der Kelten weiß, zeigt, dass sie alles andere als dumm waren und in einer Linie mit den Babyloniern und den Römern standen", sagt Weber. Archäologen würden Pollenanalysen machen, Gebeine untersuchen, Wetterdaten sammeln, aber in diese Richtung schaue kaum jemand.
Auf der Wiese in Trier-Irsch schauen Weber und seine Vereinskollegen in den sternenklaren Nachthimmel. Das Licht, was von diesen kommt, ist teils mehrere Millionen Jahre unterwegs, bis es zur Erde gelangt. Das sei etwas, was ihn besonders fasziniere, sagt Markus Weber. "Wenn man in die Sterne schaut, ist es als würde man in die Vergangenheit schauen."

Vortrag "Astronomie der Kelten - Fakt oder Fiktion" von Burkard Steinrücken, Donnerstag, 22. Juni, 19.30 Uhr Universität Trier, Hörsaal 2, A/B-Gebäude.Extra: TV-SERIE: SPANNENDE EINBLICKE

Ein Blick in die Vergangenheit
Foto: (g_kultur
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Foto: (g_kultur


In unserer Serie Abenteuer Archäologie werfen wir vom Trierischen Volksfreund einen Blick in spannende Teilbereiche der Archäologie. Der nächste Teil führt dann in die Bronzezeit.