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Ein Buch, das seine Zeit braucht

Reinhard Jirgl beim Eifel Literaturfestival. TV-Foto: Nora John
Reinhard Jirgl beim Eifel Literaturfestival. TV-Foto: Nora John
Bitburg. Er ist ein vielfach ausgezeichneter Autor. Doch Reinhard Jirgls Werke sind nicht leicht zugänglich. Beim Eifelliteraturfestival im Haus Beda in Bitburg haben sich rund 200 Zuhörer auf den Autor und sein Buch "Die Stille" eingelassen.

Bitburg. Reinhard Jirgl lesen und Reinhard Jirgl zuhören sind zwei unterschiedliche Erfahrungen. Denn schon ein Blick in sein Buch zeigt, dass der Autor, der in der ehemaligen DDR aufgewachsen ist, mit der Schrift anders umgeht, als es das geschulte Auge gewöhnt ist. Das ist aber nur im Schriftbild zu erkennen, wenn Jirgl vorliest, bemerkt der Zuhörer diese Eigenarten, mit Satzzeichen und Orthographie umzugehen, nicht.
Wie Jirgl schon zu Beginn seiner Lesung sagt, benutzt er die Buchstaben und Satzzeichen als Klangzeichen, was den Lesefluss hemmt. Auch das Zuhören ist nicht ganz einfach. Jirgl liest einen Ausschnitt aus einer Familiengeschichte, die in seinem Buch "Die Stille" über 100 Jahre beschrieben ist. Grundlage für das Buch ist ein Fotoalbum, das es wirklich gibt und das das Leitmotiv bildet. Bei seinem Vortrag schildert er eine Szene aus dem heißen Sommer 2003, als Vater und Sohn gemeinsam am Main entlang gehen und es, wie Jirgl zu Beginn ankündigt, zum Showdown kommt. Der Autor liest schnell, verhaspelt sich aber sogar selbst hier und da bei dem von ihm geschriebenen Text. "Mein Sohn vollführt schließlich eine Handbewegung als könne er in diesem Moment all das, was war, beiseite wischen."
Sätze wie dieser fliegen dem Publikum um die Ohren. Im Buch stellt sich dieser Satz noch anders dar: "Mein ,Sohn\' vollführt schließlich 1 Handbewegung, als könne er in=Diesemmoment Alldaswaswar, beiseitewischen." Er gehe nach dem Ordnungsprinzip vor, erfahren die Zuhörer am Ende der Lesung.
Der studierte Elektriker Jirgl hat beim Schreiben des Buches die Fotos vermessen und jeweils die Zahl der Zeichen im nachfolgenden Kapitel der Zahl der Quadratmillimeter angepasst. Sein Werk, das in etwa vier Jahren entstanden ist, sei aber nicht schwierig, betont der Autor.
Aber es sei aufgrund der eigenwilligen Schreibweise Langsamkeit erforderlich beim Lesen. "Für zwei Dinge sollte man sich Zeit lassen: Für Bücher und für Menschen," schließt Jirgl den Abend. noj