1. Region
  2. Kultur

Ein denkwürdiger Abend

Ein denkwürdiger Abend

Zu einem Triumph sondergleichen wurde das Weltmusik-Konzert "Latin Love" für Musiker und Tänzer des Trierer Theaters. Die von Victor Puhl zusammengestellten und dirigierten lateinamerikanischen Klänge brachten das Publikum schier aus dem Häuschen.

Trier. Es gibt Abende im Theater, da merkt man schon zu Beginn, dass etwas Besonderes daraus werden könnte. Im Orchester wird gelächelt, vielleicht weil der Begrüßungs-Beifall beim Einzug bis zum letzten Musiker gereicht hat. Das Publikum glüht in gespannter Erwartung. Niemand im Zuschauerraum, der routiniert sein Abo absitzt, stattdessen Menschen, die froh sind, dass sie noch eine Karte ergattert haben - im Gegensatz zu vielen, die vergeblich an der Abendkasse Schlange standen.

Verheißung schwüler Klänge und Bewegungen



"Latin Love", diese Verheißung von schwülen lateinamerikanischen Klängen und eleganten Tanz-Bewegungen, hat etliche angelockt. Aber Victor Puhl, dessen schwerfällig-deutscher Titel Generalmusikdirektor an diesem Abend noch weniger passen will als sonst, macht es dem Publikum nicht einfach. Zwar gibt es auch hübsche, mit leichter Hand vorgetragene Kaffeehaus-Schmankerl wie Leroy Andersons "Blue Tango", aber das Gros des Programms widmet sich hierzulande unbekannten Konzert-Stücken aus Mexiko, Argentinien oder Brasilien, deren Tanzbarkeit man erst herausarbeiten muss.

George Gershwins "Cuban Ouverture" macht den Auftakt - und klingt immer ein bisschen wie "Ein Amerikaner in Havanna". Das Orchester, mit 65 Musikern opulent besetzt, kommt schnell in Fahrt, vor allem die sieben Schlagwerker sind anfangs gefordert.

Vom ersten Stück an begeistern die Wandlungsfähigkeit, der gekonnte Wechsel von Stimmungen, die klug aufgebaute Dynamik, die das Publikum schon in den leisen Momenten packt und dann atemlos mitnimmt in ein Feuerwerk von Höhepunkten. Und es gibt viel zu entdecken. Arturo Marquez' "Danzon No. 2" etwa, ein Stück, das mit wunderbaren Zwiegesprächen zwischen Klarinette, Oboe, Geige beginnt und sich nachher ins Ekstatische steigert. Da können die Orchester-Solisten nach Herzenlust glänzen - wie überhaupt die lateinamerikanische Musik ihre Erfüllung nicht in einem einheitlichen Gesamtklang sucht, sondern in überbordender Spielfreude und Lust am individuellen Risiko.

Heitor Villa-Lobos' rhythmisch höchst anspruchsvolle Zugfahrt durch Brasilien, Silvestre Revueltas ländliches Sittenbild "Sensemaya": lauter lohnenswerte Begegnungen. Ebenso wie das Marimba-Konzert von Ney Rosaura, das die Gastsolistin Evgeniya Kavaldzhieva eher mit ruhiger Würde und Sensibilität interpretiert als mit spektakulärer Xylofon-Artistik.

Und dann kommt bei fünf der 12 Stücke ja noch der Tanz dazu. Choreograph Reveriano Camil hat klug ausgewählt, so dass er ganz unterschiedliche Stilrichtungen präsentieren kann. Stammesriten und Dorffest-Rivalitäten prägen "Sensemaya"; natürlich darf im späteren Verlauf des Abends auch traditioneller Schieber-Tango nicht fehlen.

Aber die Glanzlichter, die auch Camils Mitstreiter Hannah Ma und Noala de Aquino setzen, liegen im Unkonventionellen. Bei Piazzollas "Oblivion" etwa, wo sich ein Pas de Deux aus inniger Umarmung entwickelt, unendlich langsam, mit der Leichtigkeit von Eistänzern, die schwerelos über den Boden gleiten. Oder bei Camils tollem Solo zu "Huapango" seines mexikanischen Landsmanns Pablo Moncayo, wo er einen Horrorfilm entstehen lässt. "Nightmare on Augustinerhof": Ein Mann, dessen Körper sich selbstständig macht und vom Kopf nicht mehr zu kontrollieren ist - und die Bläser spielen dazu elektrisierend auf.

Am Ende tanzt das ganze Orchester



Wo die Tänzer pausieren, tanzt Victor Puhl auf dem Dirigentenpult. Ein Temperament-Bündel, dem es gelingt, das Orchester mitzureißen, so dass am Ende - wann hat man das in Trier je gesehen - die Musiker zu Bernsteins "West Side Story"-Mambo mittanzen, nicht aus Pflichtgefühl, sondern sichtlich ausgelassen. Das Publikum sitzt da schon lange nicht mehr, tobt, schreit, klatscht minutenlang Stakkato, auch als die Saallichter längst an sind. Was für ein Triumph. "Ein denkwürdiger Abend", sagt eine Besucherin beim Rausgehen. Und schon steht die Überschrift für die Besprechung.