1. Region
  2. Kultur

Ein dramatisches Vergnügen

Ein dramatisches Vergnügen

Eindrucksvoll und ausdrucksstark: Limelight-Theater überzeugt mit Arthur Millers "Hexenjagd".

Foto: Mechthild Schneiders
Foto: Mechthild Schneiders
Foto: Mechthild Schneiders
Foto: Mechthild Schneiders
Foto: Mechthild Schneiders

Trier Barmherzigkeit, Demut, Nächstenliebe - Jesus und die frühen Christen hatten mit Hass, Neid und Gier wenig im Sinn. Vielleicht hat deshalb Triers Stadtpatron Petrus die Himmelsschleusen geöffnet und dem Ansinnen Stefan Bastians', seine "Hexenjagd - Ein Hysterienspiel" open air im Tufa-Innenhof aufzuführen, verregnet. Denn da geht es um Menschen, die, um sich von Schuld reinzuwaschen, kaltblütig morden.

Doch was hilft das Lamentieren? Nun ist es der große Saal - mit 160 Zuschauern ausverkauft. Und die Inszenierung ist nicht weniger eindringlich, als sie draußen hätte sein können. Doppelt erstaunlich, denn schon die Generalprobe ist ins Wasser gefallen. Dennoch zeigt sich das Limelight-Ensemble - überwiegend Amateurdarsteller - sicher. Und äußerst eindrucksvoll.

Neven Nöthig gibt einen John Proctor, dessen Zerrissenheit zwischen Gefühl und Pflicht, Wahrheit und Ehre sichtbar ist. Anfangs der souveräne Ehemann, gerät er in die Schlinge, die seine Lust ihm gelegt hat - der Auslöser für das Drama nach Arthur Millers "Hexenjagd": Seine von ihm verschmähte Geliebte Abigail sinnt auf grausame Rache. Elisabeth Sterzer agiert gekonnt zwischen bravem Mädchen und Intrigantin, zwischen Umgarnen und Tobsuchtsanfall.

Manfred Rath füllt als ihr Onkel Pastor Parris seine Rolle voll aus. Kein Mann Gottes, ein Heuchler und Speichellecker, nur auf seinen Vorteil aus. Und der dafür über Leichen geht. Er ist es, der Abigail, seine Tochter Betty (Heike Bock) und andere Mädchen beim Tanz im Wald erwischt - ein Vergnügen, das untersagt ist im puritanischen Örtchen Salem. Und der, um sein Ansehen zu schützen, seine Hausangestellte Tituba (herrlich besessen: Rosi Emondts-Richter; ebenso wie Carla Schött als Rebecca Nurse) als Hexe denunziert. Bastians legt Parris Sätze aus Martin Luthers Hexenpredigten in den Mund. Worte, die Frauen diskriminieren, Worte, die sich perfekt einfügen in Millers Text, ihn noch unterstreichen.

Der Stoff ist hochaktuell in Zeiten, in denen Terroristen im Namen Allahs töten, Rassisten Gegendemonstranten töten, Präsidenten alternative Fakten verbreiten. Und der Millers Stück zeitlos macht. So entsteigen Bastians abgerissene Gestalten (Kostüme: Gudrun Rath, Claudia Stephen) der Postapokalypse.

Ein harter Stoff, aufgelockert mit comicartigen Figuren. Wie Schatten verfolgen Fares Khalaf (Willard) und Ali Sheikhmous (Cheever) als Gerichtsdiener die Mädchen, sie imitieren das Geschehen, kommentieren es. Amüsant auch die Passagen, denen Bastians Tempo durch slapstickartige Action verleiht. Wenn die Menge in hitziger Diskussion wild über Bettys Bett steigt, oder sich das komplette Ensemble um die Kranke gruppiert, wie erstarrt dasitzt, nur der gerade Sprechende agiert, oder Proctors Frau (Claudia Stephen), die - ganz brave Ehefrau - zu Hause sitzt und eine Gans rupft, malt Bastians stimmige Bilder, die haften bleiben.

Bastians Kunstgriff, der Richterin Danforth (herzerfrischend böse: Sandra Karl) ein Gebrechen mitzugeben, unterstreicht deren Boshaftigkeit. Ganz stark ihr Dialog mit Stephen. Da treffen zwei Frauen aufeinander, die unterschiedlicher kaum sein können. Auf der einen Seite die harte, machtbesessene Richterin - auf der anderen die betrogene Ehefrau, die ihren Gatten trotz aller Zweifel und Eifersucht liebt. Beide gehen auf in ihren Rollen.
Stark auch Janna Schmitz als Mary Warren, die so herrlich von sich und ihrer Wichtigkeit überzeugt ist.

Die Überraschung des Abends ist Anas Khaled als Reverend Hale. Beeindruckend unterstreicht er den Wandel vom besonnenen Ankläger, der die Lügen der Mädchen durchschaut, zum verzweifelten Menschenretter. Überzeugend verkörpert der 23-Jährige den christlichen Pfarrer, spielt mit großer Intensität.

Die Dramatik steigert Bastians durch einen Geräuschteppich, den Andreas Buhs mit seiner Gitarre legt. Dazu die Töne der Gaukler, eine abgewrackte Gruppe, die das Geschehen auch gesanglich kommentiert.

Ideenreich und mit Liebe zum Detail gestaltet das Bühnenbild (Onur Eker), das alles zugleich ist: trautes Heim, Kirche, Gericht, Richtplatz. Bleibt zu hoffen, dass nach zwei verregneten Abenden Petrus Einsicht hat und die Akteure das Stück so spielen können, wie es ursprünglich konzipiert ist - im Innenhof der Tufa.

Weitere Termine: 19., 20. August, jeweils 21 Uhr. Karten: 18/15 Euro.