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Ein Film wie das pure Leben

Ein Film wie das pure Leben

Bereits mit seiner "Before"-Trilogie hat sich der texanische Regisseur Richard Linklater als präziser Chronist westlicher Beziehungsgeflechte erwiesen. Mit "Boyhood", der einen Jungen auf dem Weg des Erwachsenwerdens begleitet, startet nun ein Projekt in den deutschen Kinos, das es so noch nicht gegeben hat.

Trier. Die Reaktion ist überwältigend. Als die Brüder Auguste und Louis Lumière 1895 ihren kurzen Streifen "Ankunft eines Zuges in La Ciotat" vorführen, fliehen die Zuschauer panisch. Es hatte den Anschein, als ob das von vorn gefilmte Dampfross tatsächlich in den Saal rast. Zwar ist diese Anekdote aus der Wiege des Films nicht belegt, sie verdeutlicht dennoch zwei Dinge: Bilder haben eine stärkere Wirkung auf ihre Rezipienten als das geschriebene Wort. Und: Im Film bestätigt sich deutlich eine Tendenz, die (spätestens) seit Einführung der Zentralperspektive in der Malerei in der Kunstgeschichte auszumachen ist. Trotz aller Ab-straktion und Fiktion bildet Kunst Wirklichkeit ab und versucht, die Abbildung so realistisch wie möglich wirken zu lassen.
Als Richard Linklaters "Boyhood" bei den Internationalen Filmfestspielen in Berlin gezeigt wird, ist die Reaktion überwältigend. Nach einem bis dahin durchwachsenen Wettbewerb feiert das Publikum den Film als Offenbarung. Doch "Boyhood" ist nicht nur ein guter Film. Das jüngste Werk des 53-jährigen Texaners ist ein gelungenes Experiment - und bezieht genau daraus seine Kraft.
"Boyhood" erzählt vom Erwachsenwerden des kleinen Mason (Ellar Coltrane). Die Kamera begleitet den Jungen vom ersten Schultag bis zum ersten Tag am College. Nun ist das Genre des Coming-of-age, eine Art filmischer Entwicklungsroman, nicht neu. Erst kürzlich erregte Lars von Triers zweigeteilter "Nymph()maniac" Aufsehen. Doch während von Trier und seine Vorläufer die unterschiedlichen Lebensphasen der Protagonisten von unterschiedlichen Schauspielern verkörpern lassen oder beim Altern mit Make-up nachhelfen, sind die Darsteller in "Boyhood" von der ersten bis zur letzten Minute dieselben - ein Novum in der Filmgeschichte (siehe Hintergrund).
Über einen Zeitraum von zwölf Jahren hat sich Linklater alljährlich mit seinen Schauspielern getroffen und einige Tage gefilmt. Die Szenen wurden erst kurz vor dem Dreh geschrieben und dem jeweiligen Zeitgeschehen angepasst. Herausgekommen ist so nicht nur eine Chronik des ersten Jahrzehnts des neuen Jahrtausends, sondern ein faszinierendes Stück Filmgeschichte.
Ellar Coltrane beim Altern auf der Leinwand zuzusehen, entfaltet eine Wirkung, die der Abbildung der Wirklichkeit fast 120 Jahre nach den Brüdern Lumière eine ganz neue Qualität verleiht.Extra

Im Dokumentarfilm sind Langzeitprojekte keine Seltenheit. Michael Apteds Reihe "Up" (1970-2012) und Barbara und Winfried Junges "Die Kinder von Golzow" (1961-2007) gelten als bekannteste Vertreter. Auch im Fiktionalen ist Richard Linklaters "Boyhood" nicht das erste Langzeitprojekt. Es ist jedoch das erste, das in nur einem einzigen Film mehr als ein Jahrzehnt abdeckt. Zuvor ließ Linklater Ethan Hawke und Julie Delpy in seiner "Before"-Reihe dreimal antreten (1995-2013). François Truffaut verfolgte das Leben seines Protagonisten Antoine Doinel (Jean-Pierre Léaud) von 1959 bis 1979 in fünf Filmen. Lars von Trier brach seinen 1991 begonnenen Krimi "Dimension" nach zehn Jahren ab. Ursprünglich wollte der Däne bis 2024 einmal pro Jahr daran arbeiten. 2010 kam "Dimension" als 27-minütiger Kurzfilm heraus. Michael Winterbottoms "Everyday" begleitet fünf Jahre lang eine Familie mit vier Kindern. fas