Ein Fontane-Abend der Extraklasse mit dem Club der toten Dichter

200 Jahre Theodor Fontane : Ein Fontane-Abend der Extraklasse mit dem Club der toten Dichter

Der Club der toten Dichter beweist in der Tufa, dass 200 Jahre alte Dichter Gänsehaut erzeugen können. Auch für Freunde des schwarzen Humors war etwas dabei.

Fotos zeigen ihn als einen ernst blickenden Mann  mit steifem hohen Kragen, das Bild eines strengen Preußen. Mit Balladen wie seinem „Herr von Ribbeck“ oder „John Maynard“ hat er ganze Schülergenerationen gestresst. Tatsächlich ist Theodor Fontane einer jener Autoren,  in deren bisweilen sprödes Werk man erst nach und nach tief hineinzuhören vermag.

200 Jahre wäre der Schriftsteller und Dichter aus Neuruppin  dieses Jahr geworden. Vor allem sind es seine fünfbändigen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“, die pünktlich zum Jubiläumsjahr opulent neu aufgelegt wurden.

Dabei war der examinierte Apotheker, der auch als Schriftsteller, Journalist und Theaterkritiker arbeitete, beileibe keiner, der gemächlich und selbstzufrieden durchs Leben wanderte. Höchste Zeit für einen neuen Blick auf den Dichter und Autor des großartigen „Stechlin“ und den gesellschaftskritischen Schöpfer von Frauengestalten wie Effi Briest oder Jenny Treibel. In der Trierer Tufa übernahmen  das jetzt zur Freude des begeisterten Publikums Reinhard Repke und sein (wie der berühmte Film benanntes) Ensemble Club der toten Dichter. Tot ist für den ehemaligen Bassisten der Band Rockhaus  Programm. Vor Fontane vertonte  Repke bereits  unter anderem Gedichte von Rilke, Heine und Bukowski. Jetzt also im Fontane-Jahr 2019 der „literarische Spiegel Preußens“ als Lyriker. Dass es auch  in Trier um Wanderungen geht, signalisiert sogleich das Bühnenbild aus Spazierstöcken.

Versteht sich, dass am Ende auch die vier Musiker, die den Abend gestalten, einen Stock ergreifen, um auf Wanderschaft zu  gehen. Einmal mehr zeigte sich, dass man nirgends einem Autor so nahkommt, wie in seinen Gedichten. Keine Spur von steifem Kragen oder zugeknöpfter Seele. Repke und sein Ensemble tauchten via Lyrik tief in die Gefühlswelt des Brandenburgers. Mit ihrer ausdrucksvollen wandelbaren Stimme begab sich Sängerin Katharina Franck, die auch noch als Schlagwerkerin und Gitarristin beeindruckte auf eine Wanderung in die Seelen-Provinz der Fontane-Gedichte, die von ihren Kollegen Reinhard Repke (Gitarre und Gesang), dem Bassisten Markus Runzheimer und Kathrin Pfeifer am melancholischen Akkordeon, vielfarbig orchestriert wurde. Da klang Fontane mal wie Neue Deutsche Welle, dann wieder rockte er die Bühne.

Einen Mann von großer Leidenschaft förderten die Musiker zutage,  einen Menschenkenner mit distanziertem Blick auf die Welt und sich selbst. Ein verkappter Romantiker, der in der Natur die Seele spiegelt, und sich im Spannungsfeld zwischen Tod und Lebenslust nach Liebe sehnt. Einer der Brücken schlägt ist dieser Fontane.  Wenn „Alles still“ erklingt, hat man plötzlich gleichermaßen Franz Schuberts „Winterreise“ wie Heiner Müllers  späte Gedichte im Kopf. Dass der wohl  oft einsame  Brandenburger auch ausgesprochen zynisch sein konnte, vermittelte sein makabres Gedicht „Zwei Raben“. 

Das war schwarzer Humor zur Prime Time. Zum dramatischen musikalischen  Showdown  gerät „John Maynard“, die Ballade vom tapferen Steuermann, der sein Leben opfert, um Passagiere und Schiffsbesatzung zu retten. Schon da ist klar, was sich noch einmal bestätigt, wenn Franck  leidenschaftlich appelliert „Bäume dich nicht“: Fontane kann auch 2019 noch Gänsehaut erzeugen. Doch keine Sorge:  Trotz Tiefgang blieb der Abend mit seiner intimen Club-Atmosphäre leicht.  Mit heiterer Selbstironie führte Repke durchs Programm, getreu dem Motto des Neuruppiners: „Nur kein Gegrübel, wohl oder übel, der Scherz ist frei“. Durchaus ein Abend der Extraklasse.

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