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Ein Franzose soll's richten Kampf-Erfahrung und breites Ideen-Spektrum

Überzeugte die Findungskommission beim Vordirigat in Trier: Victor Puhl.TV-Foto: Gerhard W. Kluth
Überzeugte die Findungskommission beim Vordirigat in Trier: Victor Puhl.TV-Foto: Gerhard W. Kluth
Der Neue ist 42, arbeitet zur Zeit in Zwickau und stammt aus Metz: Victor Puhl, französischer Dirigent, wird - vorbehaltlich der Stadtrats-Zustimmung - ab 2008 Generalmusikdirektor in Trier. Die Begleiterscheinungen des öffentlichen Finales blieben bis zum Ende merkwürdig. Vor zwölf Jahren galt Victor Puhl als eine Art Überflieger. Da übernahm er, gerade mal 30, nach absolviertem Studium und Paris und Michigan und einer Assistentenzeit beim französischen Nationalorchester unter Charles Dutoit den Posten des Generalmusikdirektors der Brandenburgischen Philharmonie Potsdam. Von Dieter Lintz und Gerhard Kluth

Trier. Ob Victor Puhl wohl etwas von den Kalamitäten rund um die Neubesetzung des Trierer GMD-Sessels wusste, als er am Donnerstagabend zum Probedirigat antrat? Jedenfalls brachte er, Absicht oder nicht, die Sache gleich mit seinem ersten Satz auf den Punkt: "Kommen Sie, meine Herrschaften, wir haben wenig Zeit, Musik zu machen".Wenig Zeit, Musik zu machen

Auch ihm standen nur 75 Tosca-Minuten zur Verfügung. Anschließend hatte der Kultur-Ausschuss dem Orchester in der Zeitplanung noch ein halbes Stündchen zugedacht, um die wichtigste Entscheidung für die nächsten Jahre zu treffen.Die Musiker, durch "intensives Aussieben" (Orchester-Vorstand Ursula Heckmann) unter den 13 Vorrunden-Kandidaten durchaus in der Lage, sich von den Bewerbern ein Bild zu machen, nahmen sich etwas mehr Zeit, um dem gleichzeitig tagenden Ausschuss dann ihr Votum mitzuteilen: Sie hielten zwei der drei Kandidaten für gleichermaßen geeignet und schlugen vor, beide zwecks optimaler Meinungsbildung zu einem Sinfonie-Konzert einzuladen.Doch daran hatte die Politik offenkundig kein Interesse mehr. Bei einer weiteren Verzögerung sei "mit keinen neuen Aspekten zu rechnen", beschied man das Orchester. Ungereimtheiten in der Presseerklärung

Bei einer Enthaltung wurde schließlich Victor Puhl nominiert, den auch die Findungskommission mit den Dirigenten Siegfried Köhler und Christoph Nielbock sowie Vertretern der Stadtratsfraktionen vorgeschlagen hatte.In der offiziellen Presseerklärung der Stadt, die gestern Morgen veröffentlicht wurde, hört sich der Vorgang freilich etwas anders an. Zwar wird das Plädoyer des Orchesters für eine weiteres Probedirigat erwähnt, aber im Wortlaut heißt es: "Auch das Orchester hatte sich für Puhl entschieden". Nicht einmal die halbe Wahrheit. "Das stimmt nicht", sagt Ursula Heckmann. Puhl sei einer der beiden als geeignet eingestuften Bewerber gewesen, eine Entscheidung für oder gegen ihn habe es nicht gegeben.Aus der Presseerklärung des Kulturdezernats geht auch hervor, dass der Entscheidungs-Fahrplan "bereits vor Wochen" festgelegt worden sei. Warum man dann die Öffentlichkeit faktisch erst am Tag des Probedirigats informierte, bleibt um so rätselhafter.Zumal es keinen Grund gibt, den künftigen GMD zu verstecken. Was man über Victor Puhl in Erfahrung bringen kann, klingt - jenseits der dürren offiziellen Worte der Stadt - durchaus spannend und vielversprechend (siehe Artikel). Er selbst ist zurzeit für Interviews nicht zu haben: Man habe ihn aus Trier gebeten, vorläufig keine Stellungnahmen abzugeben, sagte er gegenüber einem Journalisten der "Freien Presse" in Zwickau. In der Peripherie Berlins machte er vor allem durch Experimentierfreude auf sich aufmerksam: Er brachte etwa Techno-DJ's und Klassik-Orchester zusammen. Unter seiner Ägide gelang es, den Neubau eines Konzertsaals in Potsdam durchzusetzen - sicher kein schlechtes Omen für Trier. Aber im Jahr 2000 wurde die Brandenburgische Philharmonie unter heftigem öffentlichen Aufsehen abgewickelt, Puhl kämpfte bis zuletzt, auch mit unkonventionellen Vorschlägen, aber vergebens. Danach tauchte er wenig in der Öffentlichkeit auf, bis er 2002 als 1. Kapellmeister beim Theater Plauen-Zwickau anheuerte. Ein ungewöhnlicher Weg. Aber im Vogtland wusste man seine Fähigkeiten zu schätzen und überließ ihm Aufgaben, die über das übliche Kapellmeister-Spektrum hinausgehen: Er dirigierte große Opern wie "Cosi fan tutte" oder "Hoffmanns Erzählungen" und leitete relativ häufig Sinfoniekonzerte. Gerne auch mit Werken zeitgenössischer Komponisten wie Mauricio Kagel. "Fast gleichberechtigt mit dem GMD" habe er agieren können, sagt der Journalist Torsten Kohlschein von der Tageszeitung "Freie Presse". Auch populäre Angebote wie die "Beatles-Nacht" mit Band und Orchester stellte Puhl auf die Beine. Dass er in Trier von politischer Seite offenbar massiv favorisiert wurde, könnte mit seiner Herkunft aus der Partnerstadt Metz zusammenhängen, wo er immer mal wieder gastiert hat. Für die eher stockenden Trierer Großregion-Ambitionen und für die von Intendant Gerhard Weber forcierte "französische Linie" im Repertoire könnte Puhl eine ideale Besetzung sein. Meinung Blick zurück - Blick nach vorn Glückwunsch ans Philharmonische Orchester: Es hat deutlich gemacht, dass es die Auswahl eines Generalmusikdirektors ernst nimmt, ohne dabei das Verhältnis zu seinem künftigen Chef unnötig zu belasten. Dass der zuständige Ausschuss den erklärten Wunsch der Musiker nach einem angemessenen Final-Konzert mit dem Hinweis abgetan hat, davon seien keine Erkenntnisse zu erwarten, bedarf ebenso keines weiteren Kommentars wie das peinliche Herumgeeiere bei der offiziellen Pressemitteilung. Für all das kann der künftige GMD ohnehin nicht das Geringste. Er verdient jenen Vertrauensvorschuss, den die Politik vollkommen unnötig aufs Spiel gesetzt hat. Aber es wird nicht nur darauf ankommen, dass er ein Orchester gekonnt leitet. Es geht um das Musiktheater insgesamt, um szenisches Profil und musikalisches Repertoire. Man darf gespannt sein auf die Akzente, die Victor Puhl setzt. Spätestens dann, wenn er darüber reden darf, was er alles so vor hat. d.lintz@volksfreund.de