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Ein Friedhof als Zeuge für römisches Leben

Ein Friedhof als Zeuge für römisches Leben

Das Ende der Totenruhe kommt abrupt, aber mit Ankündigung: Die Öffnung eines Sarkophags aus dem 4. Jahrhundert ist der Höhepunkt eines Pressetermins auf der archäologischen Grabungsstätte nahe der Trierer Schleuse. Darin befinden sich die sterblichen Überreste einer Frau.

Trier. Frisch geborgene und unbeschädigte Römersarkophage sind wie Wundertüten. Man weiß nicht, was drin ist. Oder besser gesagt: noch drin ist. Vielfach haben sich die Bestatteten im Lauf der Jahrtausende in Staub aufgelöst. Es sind aber auch schon zwei Skelette in einem Steinsarg gefunden worden. Das, was das Rheinische Landesmuseum gestern der Presse präsentierte, liegt irgendwo dazwischen. "Das ist mit ziemlicher Sicherheit eine Frau", sagt Grabungsleiter Hartwig Löhr (64) beim Blick in den frisch von seinem tonnenschweren Deckel befreiten Steinsarg.
Der Schädel wie auch ebenfalls noch gut erhaltene Beinknochen sprächen für einen weiblichen Körper. Die auf den ersten Blick erkennbaren Beigaben - ein Kelch und ein Kugelfläschchen - lassen eine ungefähre Datierung zu: "Die Dame wurde um das Jahr 350 beigesetzt." Und sie befand sich in guter, da vertrauter Gesellschaft: Der antike Friedhof, den das Rheinische Landesmuseum bei Grabungen auf der links der Mosel gelegenen Eurener Flur nahe der Trierer Schleuse freilegt, gehört wohl zu einem Gutshof. Beigesetzt wurden dort die Angehörigen der Besitzerfamilie, möglicherweise auch das Gesinde. So weit, so durchaus normal.
Guter Stoff für eine Doktorarbeit


Doch der aktuelle Fall lässt den Chefarchäologen Hans Nortmann (60) jubeln: "Dieser Gutshof existierte schon vor der Gründung der Stadt Trier und bestand bis zum Ende der Römerzeit. Genauso verhält es sich mit dem Friedhof - ein äußerst rares Beispiel für Kontinuität."
Ein Friedhof als "Kronzeuge" für das antike Leben und Sterben vor den Toren der ältesten Stadt Deutschlands. Denn während die Reste des Gutshofs der Bebauung des nahe gelegenen Industriegebiets zum Opfer gefallen sein dürften, bezeugt das Gräberfeld - das sich üblicherweise in Sichtweite befunden hat - seine ununterbrochene Existenz während der Römerherrschaft im Treve rerland. Bislang wurden 130 Gräber gefunden, sowohl Brand- als auch Körperbestattungen in Holz- oder Steinsärgen. Die ältesten stammen etwa aus dem Jahr 30 v. Chr. - anderthalb Jahrzehnte vor Gründung der Stadt Augusta Treverorum. Aber der Römereinfluss ist bereits unverkennbar, wie der Beigabenmix aus südländischen Weinamphoren und Öllämpchen sowie Gefäßen und Eisenschwertern aus einheimischer Produktion zeigt. In der Spätzeit werden die Särge teurer, da aus Stein gefertigt, aber die Beigaben bescheidener.
Drei intakte Sarkophage hat das Grabungsteam bislang geborgen. Der Inhalt wird nun im Landesmuseum untersucht. "Ein Schmankerl für die Wissenschaft", findet Nortmann: "Wir werden erfahren, wie sich die Menschen ernährt haben, welche Krankheiten sie hatten und woran sie starben." Insgesamt sei der Friedhof "eine super Quelle"; die Auswertung aller Funde böte "besten Stoff für eine Doktorarbeit".
Seit 2010 läuft die Grabung; bis zum Abschluss Ende 2013 hoffen die Archäologen, noch 50 weitere Bestattungen untersuchen zu können. Dann wird der Friedhof einem See weichen, denn er liegt im ökologischen Ausgleichsgebiet für die Erweiterung der Trierer Moselschleuse.