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Ein Glücksfall: Barockmusik trifft Breakdance bei "Flying Bach"

Trier. Bach und Breakdance, das klingt wie Musikantenstadel und Tango: irgendwie unvereinbar. Ein Irrtum, wie 2700 ebenso erstaunte wie begeisterte Zuschauer in der Arena Trier erfahren durften. Das Mosel Musikfestival machte es möglich.

Trier. Ein Bild, das noch lange nachhallen wird: Aus den Lautsprechern dröhnt von einer mächtigen Orgel Bachs berühmte "Toccata und Fuge in d-Moll", und dazu drehen sich auf der Bühne Menschen, die auf dem Kopf stehen und deren verschränkte Beine mit derart enormer Geschwindigkeit durch die Luft rotieren, dass man glaubt, sie würden wie Hubschrauber jeden Moment abheben.
Die Kombination von Musik, Bild und Bewegung fährt dem Publikum derart in die Glieder, dass eine Art innerer Aufschrei durch die Reihen geht, ein Moment vorbehaltloser Begeisterung, der wenig später in orkanartigen Beifall mündet.
Das ist das Finale von "Flying Bach", und der Eindruck täuscht: Es ist der einzige Moment dieses Abends, in dem die Show-Inszenierung dominiert. Kein Effekte-Overkill, dezentes Licht statt Video-Animation: Es ist die Musik von Johann Sebastian Bach, die im Mittelpunkt steht, meistens sogar sehr puristisch, live am Klavier oder Cembalo gespielt. Oft bemerkenswert leise, immer sehr konzentriert.
Man hat anderes befürchtet: Billige Bach-Anklänge, mit Drum und Synthesizer aufgepeppt und tanzbar gemacht, Barock meets Dancefloor. Nix da. Regisseur Christoph Hagel und die acht grandiosen Tänzer der Berliner Formation "Flying Steps" stellen sich der mörderischen Herausforderung, zu Bachs echtem "Wohltemperierten Klavier" zu tanzen. Und selbst bei den gelegentlich eingestreuten elektronisch bearbeiteten Stücken vom Band sind die Arrangements anspruchsvoll und von "easy listening" Welten entfernt.
So entsteht eine Art Breakdance-Ballett, mit - bei aller Akrobatik - sorgfältigsten Choreographien. Bachs Musik erzählt kleine Geschichten aus dem Alltagsleben einer Clique von Jugendlichen, witzig, unaufdringlich, ohne Zeigefinger. Für Improvisation ist wenig Platz, dafür ist die Musik zu komplex, und die Tänzer haben die irre Ambition, möglichst jeden Ton, jeden Rhythmus mit einem spezifischen Move oder Style zu unterlegen.
Das Tempo, die Bewegung in Bachs Musik werden so regelrecht fühl- und sichtbar gemacht - ein hochspannendes Erlebnis, auch und gerade für Bach-Kenner. Das Publikum in der Arena ist bunt gemischt: von 8 bis 80, vom Klassik-Fan bis zum Club-Gänger. Sicher viele, die noch nie Bach im Konzert gehört haben. Etliche junge Gesichter.
Der Trierer Zigarettenhersteller JT International hat die Veranstaltung zum 40. Geburtstag gesponsert und viele Mitarbeiter eingeladen. Eine Klasse-Idee. "Flying Bach" schafft das rare Kunststück, Experten und Uneingeweihte gleichermaßen zu berühren. Weil man respektvoll und seriös mit Bach umgeht - und weil diejenigen, die ihn hier als Tänzer interpretieren, absolute Meister ihres Fachs sind, deren scheinbare Schwerelosigkeit in der Bewegung traumhaft zu der Musik des Meisters passt. Ein Glücksfall. DiL