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"Ein großes literarisches Geschenk"

"Ein großes literarisches Geschenk"

Rund 200 Zuhörer haben den Autor Hanns-Josef Ortheil auf einer gedanklichen Reise entlang der Mosel begleitet. Der gebürtige Kölner hat auf Einladung der Stefan-Andres-Gesellschaft in der Synagoge in Schweich aus seinem Buch "Die Moselreise" gelesen. Am Sonntag hat er den Stefan-Andres-Preis entgegengenommen.

Schweich. Die Synagoge in Schweich hat kaum genug Plätze, um alle Besucher der Lesung von Hanns-Josef Ortheil unterzubringen. Einige Zuhörer müssen stehen, andere setzen sich auf den Boden, um an der Lesung teilzunehmen.
Der Autor erzählt zur Einführung zunächst etwas aus seiner Lebensgeschichte. Dass er als kleiner Junge mehrere Jahre nicht gesprochen hat - als Reaktion auf seine Mutter, die verstummte, nachdem sie vier Söhne verloren hatte. Als er seine Sprache wiedergefunden hatte, ging er häufig mit seinem Vater auf Reisen. So auch auf die Reise entlang der Mosel im Sommer 1963, von der das Buch "Die Moselreise" handelt.
Die Erlebnisse eines Elfjährigen


Dabei nimmt Ortheil die Menschen mit und lässt sie an den Erlebnissen des elfjährigen Jungen, der er damals war, teilhaben. Die Texte, die der Autor vorträgt, sind die eines Kindes, das sehr gut mit der Sprache umgehen kann, aber eben doch teilweise kindlich wirkt. Wenn er über Bernkastel schreibt, dann kommt Bernkastel auch in jedem Satz vor, teilweise mehrfach, ebenso, wie ein Kind spricht. Wie Ortheil sagt, ist es das Reisetagebuch, das er damals geschrieben hat, und das später veröffentlicht wurde.
An vielen Stellen lacht das Publikum. Zum Beispiel, als die Verbindung zu Stefan Andres deutlich wird. Denn der Vater des jungen Ortheils bekommt auf der Reise ein Buch über Moselweine des Autors aus Schweich geschenkt. Wie Ortheil das Verhalten seines Vaters nach der "famosen" Weinprobe schildert, ist mit Augenzwinkern und sehr sympathisch erzählt. Ortheil schildert auch seine erste Berührung mit dem Schweicher Autor durch das Buch "Der Knabe im Brunnen", das er auf dieser Reise gelesen hat.
Die Schilderungen der Reiseerlebnisse aus der Moselregion sind sehr lebendig. Zum Beispiel in Cochem, wo so viele Menschen unterwegs sind, die laut Ortheils kindlicher Beobachtung immer auf der Suche nach einem Restaurant sind. Aber auch der Besuch des Cusanus-Geburtshauses in Bernkastel-Kues, der verknüpft wird mit den Kindheitserinnerungen von Stefan Andres, lässt eine Verbindung der beiden Autoren spüren.
Und das ist auch der Grund, warum sich die Jury für Hanns-Josef Ortheil als Preisträger entschieden hat. Wie der Präsident der Stefan-Andres-Gesellschaft, Wolfgang Keil, erklärt, haben die beiden viele Gemeinsamkeiten, die sich sowohl in ihren Leben, als auch in ihren Büchern wiederfinden. Da ist zum Beispiel eine starke Bindung zu den Vätern oder die Vorliebe für die mediterrane Lebensart. Sowohl Andres als auch Ortheil haben in Rom gelebt.
Die Lesung am Samstagabend kommt beim Publikum gut an. "Er versteht es, das Publikum in seinen Bann zu ziehen", sagt Doris Weirich. Sie ist Mitglied der Stefan-Andres-Gesellschaft und war auch in der Jury, die über die Preisübergabe entschieden hat. "Man sieht die Geschichte plastisch vor sich", sagt sie. So schreiben zu können, sei auch eine Gemeinsamkeit beider Autoren.
"Brillanter Schriftsteller"


Irmagard Kiesgen-Bölinger aus Konz hatte das Buch schon zuvor in ihrem Lesekreis besprochen. "Er ist ein brillanter Schriftsteller", sagt sie. Carola Souren kommt von der Mosel, lebt aber heute in Kleve in Nordrhein-Westfalen. Sie ist Mitglied der Stefan-Andres-Gesellschaft und extra für die Lesung nach Schweich gekommen. "Ich schätze ihn als Autor sehr und habe das Buch ,Die Moselreise schon oft verschenkt."
"Es war ein großes literarisches Geschenk, Sie hier zu haben", schließt Wolfgang Keil die Lesung.
Am Sonntag schließlich überreichte Schweichs Stadtbürgermeister Otmar Rößler Hanns-Josef Ortheil in einer Feierstunde den Stefan-Andres Preis.
Extra

Hanns-Josef Ortheil und Zuhörer während der Lesung am Samstag. TV-Foto: Nora John.

Die Stefan-Andres-Gesellschaft hat Mitglieder in vielen Teilen Deutschlands. So begrüßte der Präsident Wolfgang Keil auch Gäste aus Hamburg und Freiburg. Er gab einen kurzen Abriss über die Aktivitäten des vergangenen Jahres. Dabei wies er auch auf die Homepage hin, die viele Informationen gibt und die sehr oft angeklickt werde. Auch auf die vielen Publikationen der Gesellschaft wies Wolfgang Keil hin. Derzeit hat die Gesellschaft 350 Mitglieder. noj