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Kultur
Ein Hauch von Donaueschingen

Wilde Lieder
Wilde Lieder FOTO: TV / Martin Möller
Höchstes Niveau: die Preisträgerkonzerte im Trierer Marx-Wettbewerb „Wilde Lieder“. Von Martin Möller

Wolfram Leibe verbreitete eine Hochstimmung pur: „Im nächsten Jahr machen wir hier Donaueschingen“. Gemeint war das Neue-Musik-Festival im Schwarzwald, das vor allem in den 1950er, 1960er und 1970er Jahren einer der zentralen Orte für die damalige Avantgarde war. Natürlich ist klar, und Leibe weiß das: eine Veranstaltungsreihe, die immerhin 1921 gegründet wurde, lässt sich nicht einfach durch Ratsbeschlüsse und Verwaltungsmaßnahmen von der Donauquelle an die Mosel transferieren. Aber Triers OB hat in einem recht: Die Kompositionen auf Texte von Marx, die beim Wettbewerb „Wilde Lieder“ ausgezeichnet wurden und dazu sieben Auftragskompositionen, sie verbreiteten bei den Aufführungen am Samstag und Sonntag (1./2. September) in der Promotionsaula und im Kurfürstlichen Palais durchaus einen Hauch von „Donaueschingen“. Sie sind neu, sie sind originell, ihre Aufführungen fanden auf oberstem Niveau statt. Und: Sie hinterließen auch bei unvorbereiteten Zuhörern eine wahrscheinlich nachhaltige Erinnerung. „Ich bin sehr beeindruckt“ sagte ein Besucher, der mit Neuer Musik bislang keinerlei  Hör-Erfahrung hatte. Jedenfalls durften die prämierten Teilnehmer nach der Preisübergabe durch Schirmherrin Katarina Barley sicher sein: Diese Auszeichnung ist keine Formalie.

Die prämiierte Musik, aber auch die Auftragskompositionen, sie bewegten sich durchweg auf einem  beachtlichen Niveau. Nichts an ihnen klingt unbeholfen und dilettantisch. Alle Orchesterstücke sind geschickt instrumentiert, reich an Klangfarben, dabei konzentriert und ohne Leerlauf. Die Wettbewerbs-Ausschreibung hatte Aufführungsdauer und Besetzung begrenzt, aber den Teilnehmern im Übrigen freie Hand gelassen. Die haben die Chance ergriffen. Sie haben in ihrem musikalischen Metier Karl Marx ihre Reverenz erwiesen – höchst unterschiedlich, aber immer hörenswert. Cecilia Ardittos „the dearest dream“ lebt von Oberton-Spektren, Schwebungen und sachten Geräuschen – ein akustisches Mosaik. Alistar Zalduas „manifesto“ überträgt einen Ausschnitt aus dem Kommunistischen Manifest in seinen stetig sich wiederholenden (Ostinato-)Musikstil. Andrea Portera reagiert auf die „Wilden Lieder“ mit ebensolchen, expressionistisch zerklüfteten „Wild Rituals“. Im Gegensatz zu den meisten Stücken, die zwar reich an Klangfarben waren, aber auch statische Moment­aufnahmen blieben und bestenfalls in sich kreiselten, entfalteten die „Wild Rituals“ zudem eine echte Dynamik, einen Prozess mit Steigerungen, Verdichtungen, Höhepunkten, retardierenden Momenten.

Auch die Auftragskompositionen von Frédéric Pattar und Sergej Newski von Celeste Oram Ruiqi Wang, von Kaspar „Querfurth, Mert Morali  und Robert Reid Allan bewegten sich ausnahmslos  auf der Höhe der prämierten  Musik. Wobei Robert Reid Allan (Musik) und Gareth Mattey (Text) sich mit der Mini-Oper „Terry Helenson’s Revolutionary Dreams“ am weitesten von den Marx-Vorlagen entfernten. Immer indessen waren die Instrumentalisten von der „Birmingham Contemporary Group“ mit einer beeindruckenden Präsenz und Präzision bei der Sache, und Dirigent Michael Wendeberg koordinierte die Ausführenden mit ruhigem und genauem Schlag,

Die größten, die eindringlichsten Momente gab es in den kleinsten Besetzungen. Gerade die Duos mit eine Singstimme und einem Instrument erwiesen sich als Feld ausgeprägter Expressivität . Elisabeth Atherton, Sopran, und Cellist Ulrich Heinen rückten Geoffrey Gordons preisgekrönte „Harmonie“ in die Nähe von Schönbergs eindringlichen George-Liedern. Bariton Marcus Farnsworth, und Veronika Klirova, Bassflöte, verbanden in Kaspar Querfurths „bloßes Zubehör der Maschine“ den warmen Klang des Blasinstruments mit heftigem Sänger-Ausdruck. Salome Kammer und Trompeter Marcus Schwind schließlich gaben der „Produktion des Bewusstseins“, einem materialistischen Credo von Mert Morali, eine höchst anschauliche Theatralik mit.

Ob es dabei immer gelang, poetische oder gesellschaftskritische Vorlagen in die Musik hinüberzunehmen, sie sozusagen zu „musikalisieren“, muss freilich offenbleiben. Bei Stücken wie Sergej Newskis Auftragswerk „Letter to H. Marx“ oder auch Frédéric Pattars „Deflation – eine kleine Marxmusik“ stehen Text und Musik weitgehend unverbunden nebeneinander – zumindest für alle Ersthörer. Als insgesamt problematisch erwies sich die Computermusik, die man euphemistisch „Klangkunst“ getauft hatte: Weil nur ein Lautsprecher zur Verfügung stand (statt derer zwei), kam sie nur deutlich reduziert herüber. In dieser problematischen Klanggestalt erwiesen sich auch die drei prämierten Arbeiten (Aldo Brizzi, Christophe Lambert, Elisabeth Anna Maria Kaiser/Johannes Winkler) weitgehend konstruiert, musikfremd und ermüdend dazu. Wie gut, dass Bärbel Schulte vom Städtischen Museum die Konzertbesucher vorher mit Sekt in Stimmung gebracht hatte. Alle Konzerte übrigens wurden vom SWR mitgeschnitten.

Die Preisträger der „Wilden Lieder“ mit der Schirmherrin, Bundesjustizministerin Katarina Barley.
Die Preisträger der „Wilden Lieder“ mit der Schirmherrin, Bundesjustizministerin Katarina Barley. FOTO: TV / Martin Möller