Ein Held wider Willen

Ein Held wider Willen

PRÜM. Alter Revoluzzer ganz jung: Ulrich Plenzdorf las beim "Eifel Literatur Festival" im Sitzungssaal der Verbandsgemeinde Prüm.

"Nur nie sein Publikum unterfordern" - Ulrich Plenzdorf ist ganz der alte. Nur das noch immer üppige Haar ist inzwischen weiß geworden und das Gesicht etwas voller. Ein bisschen sitzt der Mann, der sich vor allem als Drehbuch-autor empfindet und dennoch in den Literatenhimmel aufgestiegen ist, dort oben auf dem Podium wie ein Held wider Willen. Denn: Ein Denkmal zu Lebzeiten mag der Berliner Autor nun gar nicht sein. Und ein Publikum mit gläubigem Blick himmelwärts ist auch nicht sein Ding. "Tun Sie mir den Gefallen und lachen Sie, wenn's lustig ist", fordert Plenzdorf die Zuhörer im Saal auf. "Nichts ist so schlimm, wie ein weihevoll erstarrtes Publikum". Das weiß die Aufforderung zu schätzen. Wobei es gar nicht so viel zu lachen gibt. Denn die Geschichte vom Jungen, der mangels schulischer Leistung "nicht runter" (sprich auf die Straße) und "nicht fern (sehen)" darf, ist beklemmend wahr. Vor allem weist sie Plenzdorf aber als einen Literaten aus, der aktuell ist, unabhängig vom Bonus der Dissidentenliteratur. Ein Querdenker bleibt der Vater des DDR-Werther auch nach dem Fall der Mauer. Geändert haben sich lediglich die Bedingungen, unter denen quergedacht wird. "Wenn mir früher der ideologische Druck zu groß wurde, habe ich gedroht, ich gehe in den Westen," erinnert sich Plenzdorf im TV -Gespräch. "Jetzt sind wir alle Westen. Den Druck machen andere. Gegen Meinungskonzerne wie ARD und ZDF sind wir Autoren als Einzelne machtlos". Was sich auch geändert hat, ist Plenzdorfs Stadt Berlin. "Besser geworden sind seit der Wende die Straßenbahnen", sagt der 69-Jährige. "Dafür leiden wir alle unendlich unter dem Lärm der Großbaustellen, dem Verkehr und viele unter den steigenden Mieten". Kurzsichtig sei auch der "totale Abriss der "Mauer" und anderer Ostbauten. "Das sind doch Zeugen gerade stattgefundener Zeitgeschichte". Dass die statt dessen mit "Ost ist Kult" auf Nostalgie macht, hält der Autor für eine rein kommerzielle Geschichte, "die sich tot läuft". Viel schlimmer sei, dass es keine wirklich guten Produktionen zur aktuellen Situation gäbe. Ohnehin sei der Osten mehr oder weniger abgeschrieben. "Selbst der Bundeskanzler sagt inzwischen, die Lösung der Ostprobleme ist eine lange und schwierige Sache. Das wusste ich schon 1995". Wenn er heute noch einmal "Die neuen Leiden" schriebe, wie dann wohl sein Ed aussähe? "Das Projekt gibt es in der Tat", bestätigt Plenzdorf. Ein junger Hamburger Filmemacher plane seit drei Jahren eine Neuverfilmung mit einem ganz neuen Edgar. "Ich bin skeptisch, ob das was wird". Plenzdorf selbst hat seinen erfolgreichen Helden von einst längst abgenabelt. Dem verlegerischen Druck, die Erfolgsstory zu wiederholen, habe er sich ohnehin immer entzogen. Überhaupt: "Am wohlsten fühle ich mich in der zweiten Reihe" - soll heißen als Drehbuchautor im Abspann. Aus den "Leiden" lese er nicht einmal mehr. "Ich stehe nahezu ratlos davor, wie sich die Leute den Text gekrallt haben." Und augenzwinkernd sagt er: "Vielleicht ist das Buch ja auch gut. Manchmal haben ja auch gute Sachen Erfolg".

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