Ein Herbstabend im Januar

Ein Herbstabend im Januar

Trauer-Gefühle in ihrer edelsten ästhetischen Form: Das hat die Philharmonie bei einem ausverkauften Mahler-Abend mit Bariton Thomas Hampson, Dirigent Eliahu Inbal und der Tschechischen Philharmonie geboten.

(DiL) Gustav Mahlers "Kindertotenlieder" und seine 10. Sinfonie: Viel mehr Leid lässt sich schwerlich in einen Konzertabend packen. Da verzahnt sich musikalisches Schaffen mit persönlichem Schicksal: Friedrich Rückert schrieb eine Unzahl von Gedichten, um den Tod zweier seiner Kinder zu bewältigen, Mahler vertonte fünf davon - nicht lange, bevor seine eigene Tochter starb. Und die 10. Sinfonie, seine Unvollendete, schrieb er im Angesicht des eigenen Todes, tief verzweifelt über die Untreue seiner Frau. Sie blieb ein Fragment, ergänzt von Deryck Cooke.

Thomas Hampson bestätigt seinen Ruf als Edelmann unter den Baritonen und als bester Mahler-Sänger der Welt. Makellos die Phrasierung, höchst differenziert die Dynamik, präzise betont jedes Wort, durchdacht jede Passage. Ein analytisches Meisterstück. Und doch: Seine Kindertotenlieder rufen Bewunderung hervor, aber sie berühren nicht. Nie hat man den Zyklus seit Fischer-Dieskau kultivierter gehört - aber doch schon entschieden emotionaler. Das ist kein Mangel, sondern Hampsons erklärte musikalische Linie. Aber man muss sie nicht für der Weisheit letzten Schluss halten.

Die Tschechischen Philharmoniker unter Eliahu Inbal sind angenehm unaufdringliche Begleiter. Freilich brauchen sie nach der unterkühlten ersten Hälfte fast den ganzen ersten Satz der 10. Sinfonie, um warm zu werden. Die Interpretation von Mahler-Spezialist Inbal ist solide, aber es geht durchaus eine Spur spannungsgeladener, eleganter, filigraner. Doch das ändert sich mit dem Scherzo des zweiten Satzes, wenn Tempo und Rhythmik die großen Tableaus ersetzen, wenn sich die Dialoge zwischen den Instrumentengruppen zuspitzen, wenn die Musik Mahlers innere Zerrissenheit lebhaft abbildet.

Von da an gewinnt der Abend von Minute zu Minute. Das Orchester aus dem Prager Rudolfinum, von Inbal in ruhiger, sachlicher, angenehm mätzchenfreier Interaktion gesteuert, türmt die Partitur zu einem imposanten Berg von (Selbst-)Zweifeln, Todesahnungen und Stimmungsumschwüngen auf - fast vermeint man herauszuhören, dass Mahler während der Komposition bei Siegmund Freud in Behandlung war.

Eindringlicher, respektvoller Beifall für die schwere Kost.

Mehr von Volksfreund