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Literatur
Ein historischer Roman von brisanter Aktualität

Stefan hetrmans Die Fremde
Stefan hetrmans Die Fremde FOTO: TV / verlag
Brüssel/Bitburg. Der belgische Autor Stefan Hertmans entführt seine Leser mit dem Werk „Die Fremde“ in das 11. Jahrhundert – eine Zeit der Religionskonflikte. Er stellt es am 31. August beim Eifel-Literatur-Festival vor. Von Patricia Prechtel
Patricia Fee Prechtel

Stefan Hertmans hat neben Brüssel eine zweite Heimat: den abgelegenen Ort Monieux in der Provence, Frankreich. Im Mittelalter lebte in dem 350-Seelen-Dorf eine jüdische Gemeinde, die vor fast tausend Jahren Schauplatz eines Pogroms durch französische Kreuzritter wurde. Als Hertmans davon erfährt, begibt er sich auf Spurensuche. Zwei mittelalterliche Manuskripte bilden dafür den Ausgangspunkt.

Und so erfährt er auch von seiner Romanheldin. Denn unter den Überlebenden des Pogroms soll eine junge Frau christlicher Herkunft gewesen sein. Das geht aus einem der Dokumente hervor: Eine zum Judentum konvertierte Christin, deren jüdischer Ehemann bei dem Massaker in der Synagoge von Monieux ermordet wurde. Zwei ihrer drei Kinder wurden von den Kreuzrittern entführt. Da die wenigen Überlebenden der jüdischen Gemeinde die mittellose Witwe nicht versorgen konnten, gab ihr der Rabbi von Monieux ein Empfehlungsschreiben mit. So sollte sie in einer anderen jüdischen Gemeinde Asyl finden. Das Empfehlungsschreiben wurde Jahrhunderte später in Kairo entdeckt – vielleicht ist sie schlussendlich in dieser großen jüdischen Gemeinde aufgenommen worden.

Sie wird zur Heldin seiner Geschichte. Hertmans ist von ihr fasziniert und versucht, sich ihr Leben vorzustellen. Er strickt eine Geschichte um die vorhandenen geschichtlichen Fakten und erweckt sie so zum Leben. Für seine Heldin erfindet er eine Vorgeschichte, gibt ihr eine edle Herkunft und nennt sie Vigdis. Für die Liebe zu David, dem Sohn eines Rabbi, setzt sie ihre Existenz aufs Spiel, flüchtet mit ihm aus der Normandie in Richtung Südfrankreich und wird zu Hamutal, die als blonde und blauäugige Normannin unter den Juden in der mediterranen Provence doch immer eine Fremde bleibt.

Nach der Heirat werden die jungen Leute in die abgelegene jüdische Gemeinde Monieux geschickt, um sich dort zu verstecken, da ihre einflussreiche Familie nach Vigdis sucht. Mit der Pogromnacht einige Jahre später verliert Vigdis nicht nur ihre große Liebe sondern auch zwei Kinder – also macht sie sich auf den langen Weg nach Jerusalem. Eine erste Station auf ihrer Reise – dorthin, wo sie ihre entführten Kinder vermutet.

„Die Fremde“ vereint zwei Erzählstimmen. Zum einem die Geschichte im Mittelalter rund um Vigdis und zum anderen die Gegenwart, in der der Leser Hertmans auf der Spurensuche begleitet. Der Erzähler beschreibt Landschaften, historische Städte und die mittelalterliche Gesellschaft. Als Leser fühlt man sich in das Geschehen hineingezogen. Aber auch brutale Gewalt (auch an Kindern), Blut und Elend werden genau geschildert, was verstörend wirken kann.

Mit „Die Fremde“ ist Stefan Hertmans ein Roman gelungen, der angesichts der Flüchtlingsthematik und der Debatte darum aktueller nicht sein könnte.

Stefan Hertmans: „Die Fremde“, aus dem Niederländischen von Ira Wilhelm, Verlag Hanser Berlin, 304 Seiten, 22 Euro