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Ein Hymnus der Liebe

Oppitz und Kanngiesser (von links). TV-Foto: Martin Möller
Oppitz und Kanngiesser (von links). TV-Foto: Martin Möller FOTO: Martin Dr. Möller (mö) ("TV-Upload Dr. M?ller"
Machern. Mit knapp 150 Besuchern hatte offenbar niemand gerechnet. Die Veranstalter vom Mosel Musikfestival mussten im Barocksaal Machern die Stuhlreihen noch ergänzen. Und die Interpreten Claus Kanngiesser, Violoncello, und Gerhard Oppitz, Klavier, taten alles, um die Cellosonaten Max Regers in ihrer ganzen Kraft zum Klingen zu bringen.

Machern. Sie schauen sich an, atmen einmal tief durch - und dann überfällt eine Klangwoge die Zuhörer. So deutlich noch das Notenbild der Sonate op. 5 mit ihren ausladenden Bassfiguren und den fülligen Terz-Akkorden an Brahms erinnert - der akustische Eindruck ist ganz anders.
Das ist nicht der abwägende, skeptische, oft verschlossene Brahms, sondern eine Musik, die aufs Ganze geht. Regers Kammermusik klingt vom ersten Opus an, als wolle sie den Hörer umarmen, ihn hineinziehen in ihren Reichtum und ihre ungebändigte Ausdruckskraft.
Und bei Cellist Claus Kanngiesser und Gerhard Oppitz am Klavier ist diese himmelsstürmende Emotionalität in besten Händen.
Unnötig, den Rang beider Musiker zu beschreiben. Aber so perfekt sie ihr Metier verstehen - bei Reger praktizieren sie keine überlegen-abgewogene Auseinandersetzung.
Sie lassen sich ganz ein auf diese wuchtige Musik. Sie vollziehen nach, was bei Reger als "musikalische Prosa" gilt: die Ablösung von den regelmäßigen, periodischen Strukturen in Klassik und Romantik durch asymmetrische Formbildungen. Und dazu die melodischen und harmonischen Überraschungen, die sich erst im Nachhinein als schlüssig erweisen.
Da rückt Reger ganz nah an die Schönbergschule, und in Schönbergs Privatkonzerten war Reger tatsächlich der meist gespielte Komponist.
Aber es waren ja nicht so sehr die musikhistorischen Zusammenhänge, die den Rang dieses Konzerts ausmachten - es war die beeindruckende Präsenz der Interpreten.
Claus Kanngiesser und Gerhard Oppitz entfalten über alle vier Sonaten hinweg und zweieinhalb Stunden lang einen Bogen größter Intensität - vom ersten Takt der Sonate opus 5 über die weit ausholende Melodik der Sonate op. 28, die sprunghaft-bizarre Sonate op. 78 bis hin zum abgeklärten Allegretto con grazia der Sonate op. 116 mit ihrer leisen Wehmut. "Hymnus der Liebe" nannte Reger sein Orchesterlied op. 136.
An diesem Abend klingen die vier Cellosonaten so, als habe er damit sein gesamtes Schaffen gemeint.