Ein intensives Theatererlebnis bietet „P’tit Albert“ im Trierer Studio

Theaterpremiere : Willkommen in der Anstalt

Ein intensives Theatererlebnis verspricht „P’tit Albert“ von Jean-Marie Frin im Trierer Studio. Dabei sind die Besucher Teil eines Irrenhauses, in dem Zuschreibungen wie „verrückt“, „behindert“ oder „wahnsinnig“ der Boden entzogen wird.

Auch für geübte Studiobesucher ist dieser Theaterabend etwas Ungewöhnliches. Im Scheinwerferlicht vor gänzlich schwarzer Szenerie im Keller des Trierer Theaters knallt das Rot der zum raumfüllenden Rechteck angeordneten Tische heraus, die mit weißen Suppenschalen und Löffeln gedeckt sind. Zögerlich nehmen die Premierengäste am Donnerstagabend hier Platz – Damen mittleren Alters, ältere Herren, das Großeltern-Paar und die jungen Leute, die wie Studenten aussehen. Muss man auf manchen der 39 Plätze damit rechnen, ins Spiel hineingezogen zu werden?  In „P’tit Albert“, dem Einpersonen-Schauspiel von Jean-Marie Frin von 1984, das auf Jack Londons Kurzgeschichte „Told in the drooling ward“ (Geschichten von der Sabberer-Station) basiert und von Konstantin Buchholz inszeniert wird, sind die Zuschauer Teil des Bühnengeschehens, sie lassen sich von Tom, dem Hilfspfleger und Bewohner einer Anstalt für Debile, kurz Debs genannt, eine Suppe servieren und Geschichten erzählen.

Der Besucher also ein Deb. Ein „Epilexiker“ vielleicht, wie Tom  seine Mitbewohner nennt? Ein Mikro (zu kleiner Kopf) oder ein Hydro (zu großer)? Jedenfalls ein „Sabberer“. Tom glaubt die psychischen Krankheiten zu kennen, schließlich lebt er seit 25 Jahren im Heim und ist nach eigener Auffassung „überhaupt kein Deb“. Der Zuschauer wird das zunächst für pure Selbstüberschätzung halten, aber je länger Tom plaudert und seine von Traumata getriebenen Ängste und Gedanken zum Vorschein bringt, desto weniger ist klar, wer hier eigentlich bekloppt ist.

Paul Behrens verleiht diesem Tom eine irre Dynamik. Wie er bis zur Atemlosigkeit im Rechteck läuft, wie er rennt, tanzt, auf Tische springt oder unter solchen hindurchkrabbelt, in einem Affentempo sich hin- und herbewegt (Choreographie: Lisa Wagner), dabei quasselnd und sich die Gedanken von der Seele redend, das trägt leicht über die 80 Spielminuten, in denen man ständig mehr als nur einen monologisierenden Mann auf der Bühne wähnt. Schließlich schlüpft Tom selbst anhand einfacher Kleider (Kostüme: Yvonne Wallitzer) in weitere Rollen, imitiert den die herrschende Psychiatrie-Meinung vertretenden Doktor, der Tom das Recht auf Sexualität, Familiengründung  und ein selbstbestimmtes Leben verbietet, Menschen „draußen“, die ihn wie einen Idioten behandeln, oder die Krankenschwester, der er sich gerne nähern würde.

Behrens meistert auch den anspruchsvollen Sprechpart so, dass die blühenden Wortschöpfungen und ver-rückten Sprachverdreher, die immer wieder einen tieferen Sinn verbergen („Politrick“, Übersetzung: Manfred Langner), leicht verständlich und buchstäblich genießbar werden. „Im Leben ist’s besser, ein Deb zu sein, als seine Brötchen verdienen zu müssen“ , verrät Tom gegen Ende und reißt das Publikum zu Gelächter hin. Schließlich setzt Tom nach einem Ausbruchversuch, bei dem er das titelgebende Hätschelkind P’tit Albert mitnimmt, gezielt Verhaltensweisen und Geräusche ein, um den Verrückten zu spielen. Welche Erfahrungen Tom hinter sich hat, unterstreichen die musikalischen Einlagen (Gestaltung Jonas Flemmerer), die von Frank Sinatra („Lady is a tramp“) über harten Techno und Rock bis zu Lady Gagas „Born this way“ scheinbar aus dem Grammophon kommen, einem Zufluchtsort für Tom. Einmal steckt er seinen Kopf schutzsuchend in das Horn des Geräts. Die Debilen-Karriere des 28-Jährigen erweist sich nich nur da als herzergreifende Leidensgeschichte eines Außenseiters, der sich den Umständen zum Trotz ein Stück Freiheit nimmt. Weil er im Heim seinen Platz hat, sieht er sich als „verdankter Glückspilz“.

Die Zuschauer können an dem Stoff knabbern, auch wenn die servierte Kartoffel-Möhrensuppe längst ausgelöffelt ist. In Deutschland dauerte die ideologisch bedingte Hospitalisierung von sogenannten Irren rund 170 Jahre, wie aus dem Programmheft hervorgeht. Und bis heute ist nicht eindeutig geklärt, was eine psychische Krankheit genau ist.

Wer einen Nachschlag möchte, kann sich ins (Bühnen-)Geschehen einbringen. Und wer kleckert, der könnte eine Belehrung provozieren, wenn Tom ihm dann eine Zeitung als Tischset hinlegt. In dem Zeitungsexemplar steht die Ankündigung zum Stück „P’tit Albert“. Lange anhaltender Beifall.

Die zunächst geplanten Vorstellungen sind ausverkauft. Wegen der großen Nachfrage bietet das Theater einen Zusatztermin an am  Donnerstag, 23. Mai, 20 Uhr.  Karten gibt es online auf www.theater-trier.de, unter der Mailadresse theaterkasse@trier.de sowie unter Telefon 0651/718-1818.

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