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Ein Jahr zwischen Moderne und Abgrund

 Berlin wird um die Jahrhundertwende zu einem Zentrum des gesellschaftlichen Lebens. Ernst Ludwig Kirchner, der zu den Protagonisten in Florian Illies' Buch gehört, malte diese Straßenszene 1913. F
Berlin wird um die Jahrhundertwende zu einem Zentrum des gesellschaftlichen Lebens. Ernst Ludwig Kirchner, der zu den Protagonisten in Florian Illies' Buch gehört, malte diese Straßenszene 1913. F FOTO: Wikicommons
Daun. Der Beginn des Ersten Weltkriegs jährt sich in diesem Sommer zum 100. Mal. Damit rückt auch die besondere Umbruchsituation zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den öffentlichen Fokus. Ihre kulturgeschichtliche Dimension hat Florian Illies in seinem Bestseller "1913" verdichtet. Das Buch stellt er im September beim Eifel-Literatur-Festival in Daun vor.

Mit TV-Mitarbeiterin Anke Emmerling hat Florian Illies über das besondere Jahr 1913 und Parallelen zu heute gesprochen.

Warum haben Sie für Ihr Buch, das im vergangenen Jahr erschienen ist, ausgerechnet 1913 herausgegriffen? Wegen des 100. Jahrestags?
Florian Illies: Mich hat immer fasziniert, wie verschiedene Punkte zusammen betrachtet ein Gesamtbild oder eine Gesamtstimmung eines bestimmten Jahres geben, so etwas wollte ich gerne erfassen. Vor fünf Jahren stand dann plötzlich dieses Jahr 1913 da. Dass es 100 Jahre her ist, spielte eine Rolle - stärker aber, dass es das Jahr vor dem Ersten Weltkrieg ist, ein Jahr im Windschatten. In großen Geschichts- und Kunstgeschichtsbüchern geht es unter, weil man immer ganz schnell weitergeht zum August 1914. Bei genauem Hinschauen sieht man aber, es ist eines der wichtigsten Jahre, die es für die Kulturgeschichte gibt.

Was ist das Besondere an diesem Jahr?
Illies: Das Lebenstempo nimmt in großem Maße zu. Es wird von den großen Städten wie Berlin und Wien geprägt, wo Hunderttausende hinziehen. Dort wird es immer lauter; die Eisenbahnen, die Autos, die Kommunikation, alles geht voran, wird schneller. Zeitungen erscheinen dreimal am Tag. Wenn man sie oder auch Briefe und Tagebücher liest, spürt man, der Puls schlägt auf sehr hoher Frequenz, die Nerven liegen blank. 1913 wird so ein besonders interessantes Jahr, weil im folgenden Jahr der Krieg anfängt. Den Zeitgenossen aber war das nicht bewusst. Sie haben nur gespürt, sie leben in einer Hochgeschwindigkeitszeit. Da löst sich auch in den gesellschaftlichen Normen alles ein bisschen auf; in der zeitgenössischen Kunst geschehen unglaubliche Dinge.
Besonders faszinierend ist, dass es zugleich die rückwärtsgewandte Richtung gibt. Ein Bewohner von Wien erlebt, dass der Kaiser Franz-Josef seit 65 Jahren an der Macht ist. Es gibt immer noch diese alten Traditionen wie das Duell.Wie ist diese Zeit kulturgeschichtlich zu bewerten?
Illies: Man kann sagen, es ist der Anfang der Moderne in Kunst, Literatur, Musik und Psychologie. All das, was für uns heute selbstverständlich ist, entsteht eigentlich in diesen Jahren. Vieles von unserem Weltbild gründet da. Der Begriff "Die Entzauberung der Welt" kommt 1913 auf - vor den Weltkriegen und vor der Judenvernichtung. Vor Dingen, von denen man immer glaubte, sie seien notwendig, um solche Worte zu prägen. Es kommt der Begriff "Atombombe" in die Welt, Niels Bohr entwickelt sein Atommodell.In der Kunst gibt es das erste Ready Made (Anm. der Red.: Ein Kunstwerk, das aus [Alltags-]Gegenständen besteht, die der Künstler nicht oder kaum bearbeitet hat) von Marcel Duchamp, ein Fahrrad-Rad auf einem Holzhocker, und in Russland malt Malewitsch sein erstes Schwarzes Quadrat. Da finden enorme Modernitätssprünge statt. Plötzlich ist man in einem Lebensgefühl, das dem unseren heute ganz nah ist.

Also sehen Sie Parallelen zu heute?
Illies: Schwierig zu sagen. Man bleibt immer blind in seiner Gegenwart, weil man nicht alles sehen kann und vieles erst im Nachhinein schlüssig und plausibel wird. Ich glaube, wir leben auch in einer Zeit der Beschleunigung, wenn man allein mal das Internet betrachtet. Und damals wie heute hat man als Teil der Gegenwart immer das Gefühl, überfordert zu sein und glaubt, dass die Zeiten früher besser waren. Parallelen gibt es in der künstlerischen Zeiten-Reflektion. Da sehe ich eine Tradition des Widerstandes gegen die Hochgeschwindigkeit und parallel des Mitgehens mit der Hochgeschwindigkeit Als Autor habe ich keine Parallele zur Gegenwart ziehen wollen, aber die Leser sehen das Buch oft als Zeichen für die heutige Zeit. Wie ich hörte, hat Jean Claude Juncker "1913" allen europäischen Staatschefs geschenkt, weil er darauf hinweisen wollte, dass man sich in der Geschichte nie in Sicherheit wiegen kann. ae

Der Sender 3Sat strahlt am 23. Januar um 21 Uhr im Rahmen seiner Themenwoche "Europa am Abgrund" einen Philosophietalk mit Gert Scobel zum Thema Parallelen damaliger und heutiger Umbrüche aus.
Extra

Florian Illies liest als Gast des Eifel-Literatur-Festivals 2014 am Dienstag, 9. September, 20 Uhr, im Forum Daun aus "1913". Karten, auch ein Jahresfestivalticket mit Rabatt und Platzreservierung, gibt es im TV-Service-Center in Trier, unter der TV-Tickethotline 0651/7199-996 sowie unter www.volksfreund.de/tickets Informationen über das Festival unter www.eifel-literatur-festival.de