Ein Klassiker im grotesken Anstrich

Luxemburg · "Woyzeck", Georg Büchners klassisches Eifersuchtsdrama als Kritik an hierarchischen Gesellschaftsstrukturen, beschert dem Grand Théâtre eine dreifach ausverkaufte Studiobühne. Die luxemburgisch-rumänische Koproduktion besticht mit einer Flut ausdruckstarker Bilder.

Luxemburg. Als das Bühnenlicht im vollbesetzten Studio des Luxemburger Grand Théâtre aufflammt, wird sofort und unmissverständlich klar, in welche Richtung die Inszenierung des rumänischen Regisseurs Vlad Massaci vom Nationaltheater Radu Stanca in Sibiu gehen wird.
Ein riesengroßes, eisernes Gittergeflecht teilt die Bühne, es ist integriert in eine angedeutete Jahrmarktsszenerie. Georg Büchner hat dies in Teilen seines unvollendeten Dramas schon angelegt. 1837, ein Jahr nach seinen ersten Entwürfen starb er, gerade einmal 24-jährig.
In seinem Stück um den einfachen Soldaten übt er wütende Kritik an der hierarchischen Gesellschaft seiner Zeit: Franz Woyzeck hat mit seiner großen Liebe Marie ein uneheliches Kind und versucht seine kleine, illegitime Familie über die Runden zu bringen. Abhängig von den Launen seines Hauptmanns (Germain Wagner mit abgründigem Witz) und dem kargen Sold, verdingt er sich zusätzlich als Testperson für ein medizinisches Experiment.
Mord an der großen Liebe


Der skurrile Doktor (sehr ein-dringlich und grotesk: Martin Engler) vereinnahmt und drangsaliert ihn mit einer Erbsendiät. Als Marie den einfachen, braven Woyzeck mit einem - den Traum von einem besseren Leben symbolisierenden - Tambourmajor betrügt (schön aufgeblasen: Stefan Bastian), bricht Woyzecks fragiler Lebensentwurf zusammen und er tötet seine große Liebe.
Frucht des Kulturhauptstadtjahrs


Eigentlich ein simpler Stoff, der jedoch eine ungeheure Kraft entwickeln kann. Die Inszenierung profitiert in der luxemburgisch-rumänischen Zusammenarbeit, die im Kulturhauptstadtjahr 2007 begründet wurde, vor allem von der grotesken Ästhetik. Theatralisch schöne Momente gibt es, wenn Woyzeck am Gitter hängt und uns sein Leid klagt, oder in der Liebesszene, als der Major seine Marie quasi am Gitter befestigt.
Die Ebenen der Bühne (Dragos Buhagiar) mit Kirmes-Zitaten (Schaukelpferd-Minotauren mit Fahrradhinterteilen) sind vielseitig bespielbar. Fantasievolle Kostüme, Maske, Licht und nicht zuletzt die Musik (Vasile Sirli) mit Leierkasten und Panflöten, bezaubern durch eine beklemmende Magie.
Soldat mit intellektuellem Gestus


Das ausschließlich aus Luxem-burger Darstellern bestehende Ensemble wird angeführt von ei-nem der besten Schauspieler des Landes, Luc Feit. Er gibt sich ganz in die Rolle hinein, entblößt Seele und Körper und hinterlässt dennoch ein Fragezeichen: Warum spielt er den einfachen, geknechteten Soldaten mit fast intellektuellem Gestus und Habitus, wo ist die schlichte Größe der Wut und Verzweiflung?
Marie Krieps, durch Tatort und große Fernsehspiele bekannt geworden, bleibt ebenfalls unter den Möglichkeiten der Rolle, zu hölzern und eindimensional ist ihre Marie. Die Ambivalenz des schönen, armen Mädchens mit verzweifelten Ambitionen bleibt nur angedeutet. Nach 80 Minuten gibt es sehr freundlichen Applaus vom Publikum. DT