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Ein Krimi mit toller Musik

Ein Krimi mit toller Musik

Über ein Dreivierteljahrhundert hat es gedauert, bis mit Alban Bergs "Wozzeck" das Schlüsselwerk der modernen Oper in Trier zu sehen ist. Regisseur Franz Grundheber und das Theater kämpfen um das Publikum für das sperrige, aber höchst faszinierende Werk.

Trier. Georg Büchners Geschichte vom kleinen Soldaten Franz Woyzeck, der geschunden und ausgebeutet wird, für medizinische Experimente herhalten muss und schließlich seine untreue Freundin Marie ermordet, das einzige im Leben, was er wirklich liebt: Sie übt seit 150 Jahren eine ungebrochene Faszination aus. Unzählige Schauspiel-Interpretationen, Opern, Musicals, Verfilmungen haben den Stoff aufgegriffen. Als bedeutendste Variante gilt Alban Bergs Oper "Wozzeck" aus dem Jahr 1925 - von Experten als Meilenstein des modernen Musiktheaters gefeiert.Doch mit der Oper ist es wie mit einem guten Wein oder der "Nouvelle Cuisine": Was dem profunden Kenner Jubelrufe entlockt, stößt bei Liebhabern von halbtrockenen QBA's und gediegener Hausmannskost nicht zwangsläufig auf Begeisterung. Und so leidet "Wozzeck" seit seiner Entstehung darunter, dass ihn die Eingeweihten feiern und die Abonnenten eher meiden. Was betrüblich ist, denn sie verpassen einiges.Vielleicht hat man deshalb in Trier um dieses Repertoire-Pflichtstück 82 Jahre einen Bogen gemacht. Und es musste schon mit Franz Grundheber ein Regisseur kommen, der erstens aus Trier stammt und zweites als Sänger die Rolle des Wozzeck geprägt hat wie kein anderer in seiner Generation, damit man sich traut, die Oper auf den Spielplan zu setzen.Und Grundheber legt sich mächtig ins Zeug, auch beim "Theater-Café extra", das am Sonntagmorgen respektable 250 Interessenten angelockt hat. "Wer in die Aufführung kommt und es hinterher bereut, kriegt von mir persönlich das Eintrittsgeld zurück", sagt er, und es klingt, als meine er es nicht einmal augenzwinkend. Das Theater lässt ihn in seiner Rolle als Werbeträger nicht allein. Ein Dutzend Akteure hat sich auf der Bühne eingefunden, das komplette Schauspielensemble versammelt sich zu einer Lesung des Opern-Librettos. Das lohnt sich, denn Berg hat die Originaltexte von Büchner fast wortgetreu übernommen, wenn auch in einer inzwischen überholten Fassung. Die Sprache hat Saft und Kraft

Die Sprache hat Saft und Kraft, und wenn man verstehen will, wie genial der Komponist die Texte, Stimmungen und Emotionen in Musik umgesetzt hat, hilft es, wenn man die Worte in optimal verständlicher Weise kennen lernt - was der Operngesang naturgemäß selten ermöglicht.Und so lauscht das Publikum atemlos der Deklamation auf der Bühne, bei der Franz Grundheber die Titelrolle übernimmt - vielleicht ein wenig zu sehr in vergeistigter Entrückung angesichts der Tatsache, dass er den Wozzeck nach eigener Aussage eher als Opfer unmenschlicher Verhältnisse sieht denn als Geisteskranken. Schließlich sei Autor Büchner "einer der ersten Linken" gewesen, die mit schriftstellerischen Mitteln gegen gesellschaftliche Missstände ankämpften.Die Gesellschafts-Analyse legen Grundheber und sein Ausstatter Dirk Immich freilich nicht vordergründig politisch an, und schon gar nicht plakativ-aktualisierend. "Man kann Opern durchaus modern deuten, aber entscheidend ist, dass das Stück auf die Bühne kommt und nicht die Intention des Regisseurs", sagt der Sänger und erntet einen spontanen Beifall des Publikums, das womöglich nur die zweite Hälfte der Aussage wahrgenommen hat. Der unsichere Boden, die Schieflage der Gesellschaft, das Gefühl der Getriebenheit sollen im Bühnenbild zum Ausdruck kommen.Generalmusikdirektor István Dénes ist bemüht, auch Bergs Musik den Zuschauern näher zu bringen. Aber das Aufzählen von 30 Leitmotiven, die normalen Ohren gänzlich unerkennbar bleiben, macht die Sache nicht einfacher. Eher schon die anschaulichen Klavier-Beispiele von Bergs musikalischer Gestaltungskunst. "Das könnte man auch in einer Bar spielen" bekundet Franz Grundheber, und für die Besucher beginnt die mächtige, ja fast ängstliche Distanz zu "Wozzeck" zu schwinden. Ziel erreicht, mögen sich da auch Moderator Peter Larsen und Hauptdarstellerin Vera Wenkert denken. Grundheber bringt es am Ende noch einmal auf den Punkt: Man solle, das habe schon Alban Berg geraten, die musiktheoretischen Erwägungen "am besten wieder vergessen". Am sinnvollsten sei es, den Wozzeck einfach "als spannenden Krimi mit toller Musik" zu sehen. Termin Franz Grundheber in seiner berühmten Wiener Wozzeck-Interpretation zu sehen und anschließend mit ihm zu diskutieren: Am Donnerstag, dem 19. April, um 19.30 Uhr im Broadway-Kino, Paulinstraße, ist es möglich. Dort zeigt die VHS die Aufzeichnung der Aufführung unter Claudio Abbado, und im Anschluss stellt sich der Sänger den Fragen des Publikums im Gespräch mit TV-Redakteur Dieter Lintz.