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Ein Leben auf des Messers Schneide

Ein Leben auf des Messers Schneide

TRIER. Sternstunde im Trierer Theater: Die Sängerin und Schauspielerin Marion La Marché ließ die Legende Janis Joplin in ihrer szenischen Biografie "Janis – Piece of my heart" lebendig werden. Das Publikum feierte die Premiere enthusiastisch.

Ein Bett, von bunten Tüchern bedeckt. Eine Stehlampe, ein Spiegel. Mehrere Schnapsflaschen, zerdrückte Plastikbecher auf dem Boden. Mittendrin eine Frau mit Federboa in den Haaren, die sich systematisch besäuft. Janis Joplin ist schon tot, sie weiß es nur noch nicht. Die Tür nach draußen, gegen die sie vergeblich trommelt, wird sie nicht mehr durchschreiten. Sie hat die Überdosis Heroin, an der sie stirbt, schon gedrückt. Jetzt läuft ihr Lebensfilm ab, zweieinhalb großartige, bewegende, quälende, atemberaubende Theater-Stunden lang. Janis Joplin, die Stimm-Gigantin, die Verrückte, die Grandiose, die Unerträgliche, die Bewunderte, die Selbstzerstörerische, die Tabubrecherin, das Monster, das große Kind. Was für eine Herausforderung, ihr Leben und Sterben nachzuzeichnen. Marion La Marché, Jahrgang 1968 und damit zwei Jahre alt, als Joplin 1970 im Alter von 27 Jahren starb, nimmt diese Herausforderung nicht einfach an, sie stellt sich ihr mit Haut und Haaren. Eine kompromisslose Hommage, aber auch eine schonungslose Auseinandersetzung mit dem Elend, der Verletztheit und der Lebensunfähigkeit, die sich hinter der Star-Fassade verbarg. Keine Idealisierung, eher die skeptische Bestandsaufnahme eines Lebens auf des Messers Schneide. Was La Marché und ihr Regisseur Jürgen Flügge da herausarbeiten, ist auch die Geschichte einer Generation. Groß geworden in der erdrückenden Enge der 50er-Jahre, tat sich in den 60ern plötzlich eine andere Welt auf, mit scheinbar unendlicher Freiheit. Aber nicht alle waren in der Lage, damit umzugehen. Gefährdet waren gerade die Labilen, die Genialen, deren schutzlose Kreativität ihnen als Künstler Großes ermöglichte, sie als Mensch aber ihrer Abwehrmechanismen beraubte. Es ist kein Zufall, dass mit Janis Joplin, Jim Morrison und Jimi Hendrix gerade die radikalsten Neuerer den Aufbruch ihrer Generation mit dem Leben bezahlten. "Janis - Piece of my heart" lässt verstehen warum. Das Stück arbeitet mit drei geschickt ineinander verschränkten Ebenen. Da ist Janis, der Marion La Marché eine kieksige Sprechstimme leiht, fahrige Bewegungen und rauschhafte Erinnerungen, die sich oft in imaginären Dialogen mit Weggefährten ihres Lebens spiegeln. Dann ist da die Leinwand, die in sparsamer Verfremdung Impressionen der echten Janis einblendet, aber auch reale Momentaufnahmen. Und schließlich taucht die Marion La Marché selbst auf, kommentierend und relativierend, die eigene Lebensgeschichte als Nachgeborene der "Generation Janis" einbringend. Das wirkt nicht, wie man fürchten könnte, eitel, sondern verhindert nostalgisches Zurücklehnen. Das alles müsste freilich scheitern, würde die Sängerin La Marché nicht mit der Sängerin Joplin Schritt halten. Auch da geht sie volles Risiko, von der ersten Sekunde an, wo sie das eingeblendete Original von "Mercedes Benz" mittendrin übernimmt. Da ist keine geschmäcklerische Imitation, keine am Reißbrett ausgetüftelte Kopie, da empfindet jemand den Blues Janis Joplins mit jeder Faser seines Körpers nach. "Cry Baby", "Cozmic Blues": Eine Gänsehaut jagt die nächste, bis zum phänomenalen "Move Over", das La Marché, im Rausch torkelnd, als makabren Totentanz inszeniert. So sicher ist sie sich ihrer Sache, dass sie sich sogar leistet, "Bobby McGee" nicht in der von Kris Kristofferson komponierten Original-"Country-Version" zu singen, sondern so, wie es sich als "echter Joplin-Song" angehört hatte. Selbst das funktioniert, nicht zuletzt dank einer exzellenten Live-Band (Monique Heinke, Stefan Obermann, Holger Engel, Ringo Hirth). Ein einziges Mal gestattet sie sich einen musikalischen Ausflug in eigener Sache, mit Gershwins "Summertime", den sie nicht als Joplin, sondern als La Marché singt. Und zeigt damit, dass sie auch jenseits von Janis die spannendste Frauenröhre besitzt, die in Deutschland seit Anne Haigis zu hören ist. Das Publikum dankt am Ende mit minutenlangen Standing Ovations, und zwar nicht von jener Sorte, bei der die meisten Zuschauer nur aufstehen, weil ihnen ihr Vordermann den Blick auf die Bühne verstellt.. Die Joplin wäre heute 63. Viele Woodstock- und Monterey-Heroen, die damals nicht weniger erfolgreich waren als sie, touren heute als Abziehbilder ihrer selbst über Oldie-Festivals und Hinterhof-Bühnen. Musste Janis so früh sterben, um eine Legende zu werden? Marion La Marché beantwortet viele Fragen. Diese wird wohl offen bleiben. Weitere Vorstellungen: 6. Dezember, 10. Januar, 17. Februar, 22. März, 10. und 24. Mai.