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Ein legendäres The-Sweet-Konzert 1972 im Treviris-Saalbau Trier

Was für eine Show: Besondere Konzerte in der Region : Was für ein Abriss, Treviris! The Sweet 1972 in Trier

Sehr laut, ziemlich überraschend, an einem besonderen Tag – und in einem Jugendstil-Ambiente, das es heute in dieser Größe nicht mehr in Trier gibt. Was das Konzert von The Sweet am 14. Oktober 1972 im Treviris-Saalbau zu einem Ereignis machte.

Die Treviris-Passage in der Trierer Innenstadt erlebt in diesen Tagen – vorsichtig formuliert – nicht gerade die Blüte ihrer Jugend. Es gibt eben 80er Flair, das aber auch so gar nicht nostalgisch machen will. Dabei hat die „Treviris“ heute noch einen immensen Leuchtende-Augen-Faktor, vor allem bei Trierern jenseits der 60: Der Treviris-Saalbau war 75 Jahre lang der Festsaal in Trier. Ein Hauch von Großstadt, bis zu 2500 Sitzplätze, ein hoher Saal, mit Empore und vielen Jugendstil-Elementen, mit Glasmalereien und Stuck, der Vorzeigesaal der alten Stadt. Die Comedian Harmonists spielten dort in den 1930ern, nach dem Zweiten Weltkrieg bot der Saalbau dem Theater ein vorübergehendes Zuhause, Udo Jürgens trat auf seiner Endlos-Tour Udo 70 dort auf, die ihn zum Star machte, samt letztem Song im Bademantel. Und 1974 kam: die Abrissbirne. In jenem Jahr war Trier übrigens „Modellstadt im Europäischen Denkmalschutzjahr“. Die Treviris-Orgel aus dem Jahr 1900 fand ein neues Zuhause in der Kirche des Vulkaneifel-Örtchens Mückeln.

Zwei Trierer erinnern sich unabhängig voneinander an ein großes Konzert im Saalbau. An den Auftritt  der erfolgreichen britischen GlamRock-Band The Sweet am 14. Oktober 1972. Als das Ende schon abzusehen war, durfte es auch mal härter im Saal zugehen. Harald Remy war damals Teenager. Den TV trifft der Trierer in etwa dort, wo der alte Saal stand – an das alte Katholische Vereinshaus Treviris erinnern heute nur noch einzelne Torbögen und Mauern. „Das Sweet-Konzert war genial“, erinnert sich Remy. „Ich war damals 13, hatte meine Mutter im Schlepptau – oder sie mich. Das hat sie danach bitterböse bereut. Sie hörte tagelang nur noch ein Pfeifen.“ Denn The Sweet war einerseits damals eine charts- und fernsehkompatible Band – die vier waren Stammgäste in Ilja Richters Sendung „Disco“, die von Produzenten geschriebenen Hits hatten Refrains wie „Ho-chi-ka-ka-ho, Co-Co, Co-Co“, auf der Bühne verkleideten sie sich mehrfach. Aber The Sweet war eben auch eine Rockband. Drei Monate nach dem Auftritt in Trier wurden sie bei einer Show in Schottland mal von Flaschenwerfern von der Bühne vertrieben – das verarbeiten sie thematisch in ihrem wohl bekanntesten Song „Ballroom Blitz“, einem ihrer acht Nummer-eins-Hits  in Deutschland.

„The Sweet waren tatsächlich unerträglich laut und falsch ausgesteuert, dass es nur so krachte. Aber sie waren sehr flexibel mit ihren Kostümen! Wig Wam Bam spielten sie in Indianermontur“, erinnert sich Remy, der auch noch eine Anekdote auf Lager hat: „Nach dem Konzert waren wir im angrenzenden Lokal, wo ich mir Autogramme holte – allerdings von der Vorband Jeronimo, die mir noch besser gefallen hatten. The Sweet saßen am Nachbartisch und waren augenscheinlich ‚not amused’, dass ich ihren Tisch ignorierte und auch keine Autogramme wollte. Es war ein unvergesslicher Abend!“

Übrigens nicht nur für Trierer Teenager. Auch für Andy Scott, Leadgitarrist der Band. Er ist nach dem Tod von Steve Priest im Juni 2020 der einzige Überlebende der Erfolgsbesetzung der Band und auch weiterhin mit den Sweet-Hits auf Tour – und just am Tag, als Sweet die Treviris rockten, wurde in England sein ältester Sohn Damian geboren. Der kümmert sich seit Jahren um den Livesound der Band. Zum bisher letzten Mal waren Andy Scott und Sweet im Jahr 2016 in der Region zu erleben - da spielten sie vor 650 Zuschauern in der Dreyshalle in Dreis bei Wittlich.

Ein anderer Teenager ging mit gemischten Gefühlen zum Konzert. „Ich bin eigentlich wegen der Vorgruppe Jeronimo hin“, erinnert sich Alois Kramp, damals 16. Er war damals noch in der Lehre, Kaufhof-Plattenabteilung. „.Die Plattenfirma hatte mich eingeladen. Ich fand diese Sweet-Songs wie ‚Funny, Funny’ ganz schlimm und dachte mir: Das kannst du ja keinem erzählen, dass du zum Konzert von The Sweet gehst.“ Aber dann passierte was: „Die Sweet haben dann losgerockt, die haben The Who und Deep Purple gecovert, da habe ich die Welt nicht mehr verstanden – das hat geschmiert, das war genial!“

Und auch der TV-Rezensent war nach den Eindrücken damals noch ganz kosmisch unterwegs. Unter dem Titel „Frenetische Rock-Revue“ heißt es im Artikel über The Sweet: „Es fehlte nicht viel, und Triers alter Treviris-Saalbau wäre, kurze Zeit vor seinem offiziellen Abbruch, im Phon-Gedonner in sich zusammengefallen. (...) The Sweet hämmerten und tobten derart frenetisch, daß sich wohl niemand gewundert hätte, wenn die vier ‚Süßen’ plötzlich mit diabolischem Getöse und Feuerschweif wie eine Rakete gen Himmel gebraust wären.“ (Volksfreund vom 16. Oktober 1972).

Für Kramp war es auch ohne Himmelsflug definitiv eines seiner Highlights im Saalbau neben einem Auftritt von Ekseption und von Golden Earring am 11. November 1972, dem letzten großen Rockkonzert im Saal, wie Kramp erzählt: „Golden Earring spielten am letzten Abend. Ihre Hits Buddy Joe und Back Home hatten sie sich bis zum Schluss aufgehoben, als Zugaben.“ In diesen Minuten sei einiges zu Bruch gegangen – im Wissen, dass der Saal ohnehin bald plattgemacht würde. „Viele sind auf die Stühle gesprungen, die hatten nur eine dünne Holzplatte und krachten ein, das gab reichlich Kleinholz.“ Da brannte die Luft, rief die Security auf den Plan. „Was für eine Power da im Saal war, aber die Atmosphäre war nicht aggressiv“, so erinnert er sich an die Stimmung bei Golden Earring, die etwa zu dieser Zeit gerade ihren größten Hit Radar Love schrieben.

Das Überraschungsmoment gehört bei The Sweet zum Konzept, wie Andy Scott gegenüber der Zeitschrift Good Times erzählte: „Ich vergleiche Sweet gerne mit einer Flasche: Du denkst, es sei Wasser drin, aber in Wahrheit ist es Wodka!“

 Der Trierer Harald Remy.
Der Trierer Harald Remy. Foto: TV/Andreas Feichtner

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