Ein letztes Kapitel für Karl Arsch

Ein letztes Kapitel für Karl Arsch

Bei einer 32-jährigen Frau mit zwei kleinen Jungs wird Brustkrebs diagnostiziert. Sie wird neun Monate lang behandelt, gilt als geheilt und hat ein Buch darüber geschrieben - Brüste umständehalber abzugeben" von Nicole Staudinger. In Bernkastel-Kues hat sie vor 100 Menschen daraus gelesen. Dabei wurde herzlich gelacht und auch Tränen sind geflossen.

Bernkastel-Kues. Es war ein sonniger Tag, als Nicole Staudinger, ausgerechnet an ihrem 32. Geburtstag während des Duschens einen Knoten in ihrer Brust ertastete. Zwei Tage später hatte sie die Diagnose: Brustkrebs. Wie sie diese Zeit mit ihren beiden Kindern, Mann, Eltern und Karl Arsch, wie sie ihren Tumor nennt, durchlebt, hat sie in ihrem Buch, das in den Spiegel-Bestseller-Listen steht, beschrieben. In Bernkastel-Kues hat sie daraus öffentlich vorgelesen, aber zum letzten Mal. "Ich war jetzt ein Jahr lang mit dem Buch auf Lesereise und möchte das Kapitel für mich nun schließen", sagt die Schriftstellerin und Autorin.
Wer nun erwartet hat, dass eine grübelnde, von der schweren Krankheit gezeichnete Frau auf die Bühne tritt, hat sich getäuscht. Nicole Staudinger ist voller Energie, sie sieht aus wie das blühende Leben und während der Lesung wechseln sich Phasen, in denen es mal um den Ernst, mal um die Komik des Lebens geht, ab, so dass den Besuchern manchmal eine Träne kommt, ehe sie zwei Minuten später wieder herzhaft lachen müssen. Zum Beispiel dann, als Staudinger davon erzählt, dass einer ihrer Ärzte während einer Untersuchung von den guten Behandlungsmöglichkeiten ihres schönen Tumors geschwärmt habe, und sie nur unverständig dachte: "Schuhe sind schön, Handtaschen sind schön, aber doch nicht Krebs! Glückwunsch, sie haben schönen Krebs."
Sehr emotional wurde es auch, als sie davon berichtete, wie sie mit ihren Kindern zum Friseur ging, um sich erst einmal eine Kurzhaarfrisur schneiden zu lassen, bevor die Haare während der Therapie ausfallen. "Uncool fand mein Großer das." Für Nicole Staudinger waren ihre langen Haare ein Zeichen der Unbeschwertheit. Sehr schlimm war für sie das häufige Warten. "Da geht bei einem gleich das Kopfkino an. In zehn Minuten hatte ich meine komplette Beerdigung durchgeplant."
Getroffen haben sie auch spitze Bemerkungen von Bekannten, beispielsweise, dass sie immer zur Vorsorge gehen. "Das habe ich auch gemacht. Sogar drei Monate vor meiner Diagnose war ich bei der Mammographie." Ihre Familie stand in dieser schweren Zeit hinter ihr und hat sie aufgefangen. "Sterben ist keine Option", hat ihre Mutter gleich nach der Diagnose zu ihr gesagt, und das ist auch zu ihrem Motto geworden.
Heute, nach neun Monaten Chemotherapie, der Amputation ihrer beiden Brüste und der Eierstöcke, blickt sie wieder nach vorne und hat ein weiteres Buch geschrieben: "Schlagfertigkeitsqueen." Doch eins bleibt, und das ist die Angst. "Während andere sich bei Kopfschmerzen vielleicht fragen, ob sie am Abend vorher zu viel getrunken haben, denke ich gleich an einen Hirntumor." Eine Therapeutin hilft ihr, damit umzugehen. Geändert hat sie in ihrem Leben, dass sie Probleme erst dann angeht, wenn sie da sind, und das Leben in allen Facetten genießt. Karl Arsch ist ein Kapitel in ihrem Leben. Jetzt schlägt sie ein neues auf.
Veranstaltet wurde die Lesung von der Frauenbeauftragten der Verbandsgemeinde Bernkastel-Kues, Rita Busch.
Das Buch "Schlagfertigkeitsqueen" von Nicole Staudinger erscheint am 15. September, kostet 14,95 Euro und ist im Buchhandel erhältlich. chb

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