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Ein Mann des Teufels

Ein Mann des Teufels

TRIER. Gleich zwei Komponi-sten bemüht Sergey Volobuyev bei seiner Choreographie von Ibsens "Peer Gynt": neben Edvard Grieg kommt auch Alfred Schnittkes "Requiem" zu Gehör.

Sie hat es versprochen. Und jetzt wartet sie. Der Mann, um dessentwillen Solveig ihr Leben "verwartet", heißt Peer Gynt und ist Don Giovanni und Faust, Hochstapler und Abenteurer in einer Person. Im Laufe seiner Karriere hat er sich so ziemlich alles zuschulden kommen lassen, was ein ordentliches Sündenregister ausmacht. Er hat gelogen, betrogen, jede Menge Frauen sitzen- und sich mit dem Teufel eingelassen. Dass er am Ende sein ganzes Vermögen verliert, scheint das Mindeste, was man erwarten kann, um eine Anwartschaft auf Solveigs rettende Arme zu erlangen.Dort landet - besser strandet - der untreue Norweger dann auch nach allerhand Abwegen und Irrfahrten in Sergey B. Volobuyevs Ballett "Peer Gynt" nach der dramatischen Dichtung von Henrik Ibsen. Einmal mehr zeigt die neue Produktion: Der Trierer Ballettchef ist vor allem ein Märchenerzähler. Volobuyev versteht sich auf das Erzählerische, auf die üppigen Szenen, auf die folkloristischen Elemente. Da gehen seine Inszenierungen wunderbar Hand in Hand mit Carola Vollaths phantasievollen Kostümen. Wolfgang Clausnitzers Bühnenbild schafft erfreulich zurückhaltend dazu den atmosphärischen Rahmen.Als ob sie einem Weihnachtsmärchen entlaufen wären, kommen Volobuyevs Trolle daher, sein Kairoer Irrenhaus ist ein echter Jahrmarkt der Narretei, seine norwegische Hochzeit eine echte ländliche Idylle einschließlich der Prügelei.Weit entfernt von der Vorlage und der Aktualität

Allerdings: In Volobuyevs erzählerischer Stärke besteht auch seine Schwäche. Auf der Strecke bleibt bei soviel Fabulierkunst einmal mehr die feine psychologische Ausdeutung, das traumdeuterische Echolot. Bei Volobuyev ist Peer Gynt ein Teufelsprodukt. Das entfernt ihn nicht nur von Ibsens Vorlage, es entfernt ihn auch von der Aktualität des Stückes, das die Welt als Konstruktion menschlichen Willens, Ängste und Vorstellung begreift. Peer Gynt ist eine Art moderner Odysseus, der sich zu weit hinaus- und hinabwagt ins eigene Ich, dessen Leben irrlichtet zwischen Wahn und Wirklichkeit. In Trier hingegen bleibt Solveigs Geliebter das willenlose Geschöpf eines "Hageren", sprich blutleeren Satans. Kein Wunder, dass sich Alexander Galitskii als Peer immer wieder in der Choreographie totläuft. Auch dass Alexander Sinelnikov als teuflisch "Hagerer" die meiste Zeit schwarzgewandet durchs Bild läuft, genügt darstellerisch kaum, um glaubhaft Schicksal zu spielen. Am ausdrucksstärksten bleibt Tina Goldin als Peers Mutter Aase. Aber auch sie leidet unter der häufig beliebig wirkenden Choreographie.Solveig (Gulnara Soatkulova) steht im Wortsinn meist herum. Manchmal ringt sie die Hände. Als ihre (leicht metallische) Stimme drückt Vera Wenkert aus, woran sie sich festhält: "Ich habe es versprochen". Eindrucksvoll: Sarah Tausendfreund als Stimme der Anitra. Mit der geläufigen Musik von Edward Grieg hat Volobuyev die fast zeitgenössische von Alfred Schnittkes "Requiem" kombiniert. Das macht das Drama spannungsreich. Überhaupt kann sich Eckhard Wagner mit der musikalischen Leistung des Abends sehen lassen. Der hervorragende Theaterchor (verstärkt durch einen Extrachor) ist ein absoluter Genuss, ebenso das Orchester, das sich gleichermaßen auf die weiten Seelenlandschaften Griegs wie auf Schnittkes harte apokalyptische Schreie versteht. Das Ende bleibt zwiespältig wie die ganze Aufführung. Dem menschlich durchgeschüttelten Peer stellte der Teufel die Koffer vor die Tür - vor Solveigs versteht sich. An soviel Teufelswerk mag man sich selbst in diesen Zeiten nicht gewöhnen.Die nächsten Aufführungen: 25. u. 28. Dezember, Karten: 0651/ 718-1818