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Ein Mann für alle Jahreszeiten

Bernkastel-Wehlen. Mit einem ebenso beliebten wie spannenden Programm war ein Stern des Geigenhimmels beim Mosel Musikfestival im Kloster Machern zu Gast. Stargeiger Daniel Hope präsentierte gemeinsam mit dem Orchester L’Arte del Mondo dort zwei Versionen von Antonio Vivaldis "Vier Jahreszeiten". Eva-Maria Reuther

Bernkastel-Wehlen. Das war ein Frühling, der bis zum Winter durchhielt. Stürmisch, kraftvoll, drängend und dazu mit geradezu atemberaubender Virtuosität brachte Daniel Hope Antonio Vivaldis "Vier Jahreszeiten" in Schwung. Da verloren selbst die sommerlichen Seufzer der Musik an Mattigkeit, und das winterliche Eis blieb eine kurze Episode.
Der englische Stargeiger ist bekanntlich ein mutiges Multitalent, das gleichermaßen mit der Geige wie der Feder brilliert und in der Alten Musik genauso zu Hause ist wie in der zeitgenössischen, im Jazz oder in der Weltmusik. Mit den barocken "Jahreszeiten" hatte Hope ein Stück mitgebracht, das unverschuldet als musikalisch verschlissen gilt, seit es als Klangtapete in Fahr-stühlen, Wellnesstempeln und Warteschlangen von Fluggesellschaften dudelt.
Forsch und virtuos


Kein Wunder, dass seit Jahrzehnten Musiker versuchen, die komplexe Komposition des rothaarigen Priesters aus Venedig auf unterschiedliche Weise zu rehabilitieren, um ihr frisch und neu, Bedeutung zu verleihen. Hope, zu dessen erklärten Zielen es gehört, Musik gegenwartstauglich zu machen, hatte sich für die Version "forsch und hochvirtuos" entschieden.
Mit forcierten Tempi, energischem Ausdruck und virtuoser Brillanz riss er, begleitet vom renommierten Kammerensemble L'Arte del Mondo sein Publikum zu Begeisterungsstürmen hin. Bei so viel Lust am Spiel mochte Vivaldi auch gern mal abrocken, rustikal deftig in den Herbst tanzen oder wie feurige Zigeunermusik klingen. Der frische musikalische Wind blies zuverlässig allen Mief und Kitsch davon.
Allerdings fegte er auch einiges weg, was man gern behalten hätte. Dem energischen Zugriff der Musiker fiel weithin der Feinsinn der Musik zum Opfer, ihre leisen Vibrationen, ihre feinen Verzierungen, ihr Glitzern und Knistern, die stille Innerlichkeit, schlicht das Wunderbare. Das kam zum Glück nach der Pause zurück.
Reverenz aus England


Da stand Max Richters "Le Quattro stagioni recomposed" auf dem Programm. Die Hommage des englischen Komponisten an den Venezianer, die ebenfalls aus Frust über den gnadenlos in Dienst genommenen Vivaldi entstand, entfernt sich nicht einmal weit von den ursprünglichen "Jahreszeiten".
Gleichwohl ist sie ungeheuer erhellend. Um Vivaldis Komposition energetisch aufzuladen, hat Richter lediglich kleine Themen herausgegriffen und sie durch Wiederholung bedeutsam und transparent gemacht. Dabei ist, wie einmal mehr in Machern zu erleben war, ein kontrastreiches spannendes Werk entstanden, dessen Dynamik und Klangverständnis die 300 Jahre alte Musik als genialer Mittler in die Gegenwart hievt.
Verstärkt durch eine Harfe, gaben die Musiker über Richters Bearbeitung Vivaldis Musik ihr inneres Leuchten, ihre Feinnervigkeit, ihre ganze vielfarbige Klangsinnlichkeit zurück. Einmal mehr präsentierte sich Hope als lustvoller, risikofreudiger Interpret, ein glänzender Virtuose mit feinstem Gefühl für Klang und Temperamente.
Mit den Musikern der L'Arte del Mondo unter ihrem Leiter Werner Erhardt hatte Hope ebenso spielfreudige wie dynamische Partner, denen der Dialog mit dem Solisten sichtlich Vergnügen machte. Die 250 hingerissenen Zuhörer erklatschten sich Zugabe um Zugabe, bis am Ende der Saal in Hopes "Guten Abend, gute Nacht" einstimmte.