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Ein-Mann-Karneval auf Wanderschaft

Ein-Mann-Karneval auf Wanderschaft

Der in Südfrankreich geborene Kirio ist anders als andere Jungen. Er läuft gern auf den Händen, stellt auch sonst alles auf den Kopf und redet mit Steinen und Fledermäusen ebenso selbstverständlich wie mit Menschen. Auf seiner Wanderschaft verzaubert und errettet er Menschen.

Wer ein Buch aufschlägt, hat viele Vor-Annahmen im Kopf. Etwa, dass dessen Held sich auf zwei Beinen fortbewegt statt Rad schlagend. Im konventionellen Roman darf man auch meist davon ausgehen, dass der Erzähler weiß, wer er ist und wozu es ihn gibt.
Die 1964 in Offenbach geborene und seit 1983 in Paris lebende Autorin Anne Weber mag all diese Standard-Erwartungen nicht einlösen in ihrem Roman "Kirio". Trotzdem ist ihr kurzes, verspieltes Buch eine belebende und irgendwie auch orientierende Lektüre.
Erzählt wird weniger eine Handlung als vielmehr eine Figur, der in Südfrankreich geborene Junge Kirio, in Szenen ihrer Wanderschaft. Kirio ist ein Trickster - eine Sagengestalt, die immer in Bewegung ist und dabei schöpferischen Schabernack treibt. Er spricht mit Tieren, Pflanzen und Gegenständen. Und er verändert durch seine konsequente Andersheit die Welt um sich, wie es auch der sagenhafte Siddhartha oder der heilige Franz von Assisi getan haben sollen. Zum Beispiel seinen Lateinlehrer, der Kirio in den Pausen auf Händen gehen sieht. Manchmal braucht es keinen blutigen Aufstand, um die herrschende Ordnung auszuhebeln, versteht der Altphilologe: "Wer sich auf den Kopf stellt, stellt im selben Augenblick die Welt auf den Kopf, er befördert, was oben ist, nach unten, und umgekehrt." In der Literatur ist alles möglich, was sagbar ist. Ein exzentrischer Blondschopf, der Menschen inspiriert und unwissentlich rettet - das könnte auch ein wohlfeiles Erbauungsstück sein. Die Autorin Weber hat ihrem Text allerdings einen geistreichen doppelten Boden eingezogen.
Denn das allwissende Ich, das für die Szenen aus Kirios Leben immer wieder neue Erzähler heranzieht, thematisiert sich laufend selbst. Es lässt den Leser raten, was es eigentlich ist, gibt Hinweise und verwirrt ihn zugleich. Zusammen mit dem anarchischen Potenzial Kirios ergibt sich die Aufforderung an den Leser, für die Dauer der Lektüre einmal nichts als selbstverständlich anzusehen.
Fabian May (dpa)

Anne Weber, Kirio, S. Fischer, Frankfurt/Main, 224 Seiten, 20 Euro.