Ein Mime im Siegfried-Format

Ein Mime im Siegfried-Format

BAYREUTH. Gerhard Siegel hat klein angefangen, am Stadtheater Trier bekam er 1993 sein erstes Engagement. Heute singt er den garstigen Zwerg "Mime" im Ring des Nibelungen auf dem Grünen Hügel bei den Bayreuther Festspielen.

Dieser Mime hat Nerven! Gerade mal fünf Stunden vor seiner Mega-Partie im "Siegfried" taucht er völlig entspannt und gut gelaunt hinterm Bayreuther Festspielhaus auf. "Das Einzige, was mich heute unter Druck setzt, ist die Tatsache, dass ich für meine Kinder noch kein Mitbringsel habe." Na dann... Gerhard Siegel schlägt den Weg zum nächsten Italiener ein. Beim Milchkaffee lässt es sich sowieso besser plaudern. Und vielleicht rückt auch das Stichwort "Trier" seinen großen Auftritt am Hügel plötzlich ein wenig in die Ferne. "Das war eine tolle Zeit damals, 1993 und '94," schwärmt er, "was die Zusammenarbeit im Ensemble anbelangt, sogar die schönste Zeit meiner Laufbahn." Er fiel in Trier als Komponist auf

Der Tenor, der inzwischen vor allem Wagner singt - in Köln und New York, Nürnberg und Madrid, Berlin und London - bekam am Stadttheater sein erstes Engagement. Als Buffo übrigens, "doch bei zehn, zwölf Produktionen im Jahr macht man ja fast alles". Siegel ist sowieso ein Multitalent. Der Mann aus dem oberbayerischen Trostberg hat ein Trompeten-Studium hinter sich und fiel in Trier ganz nebenbei auch als Komponist auf: "Deutschland - ein Wintermärchen" von Heinrich Heine hatte er vertont und mit einem kleinen Team auf die Bühne gebracht. Die Produktion kam prima an. "Für mich war das eine Leidenschaft", sagt er, "aber heute bin ich froh, dass ich damit nicht mein Geld verdienen muss." Es kam ja auch ganz anders. Dass es aber so eindeutig auf die Schwergewichte seiner Stimmlage hinauslaufen würde, hätte er nicht gedacht. Schon gar nicht, dass er mal in Bayreuth landen würde. "Das ist immer noch etwas ganz Besonderes", betont der 42-Jährige, "das geht schon in der Kostümabteilung los. Man zieht sich an, schaut in den Spiegel und denkt: Vor ein paar Jahrzehnten hat da Max Lorenz gestanden." Siegel erzählt das, als könne er's immer noch nicht so recht fassen. "Ich singe mit den weltbesten Kollegen, mit grandiosen Chören - und das beste Wagner-Orchester der Welt sitzt im Graben!" Dass sich der sympathische Familienvater bald in den fiesen Mime verwandeln wird, eingezwängt in einen grünlich-wulstigen Anzug, der ihn wie ein gepanzertes Krötenwesen aussehen lässt, kann man sich nicht so recht vorstellen. Doch der Nibelungen-Zwerg ist seine Paraderolle. 72 Mal hat er ihn gesungen. Auch wenn er dazwischen immer wieder als Siegfried, Parsifal, Stolzing oder Tannhäuser engagiert wurde. Oder mal als Sergej in der "Lady Macbeth von Mzensk", als "Salome"-Herodes und Oktavio in der "Giuditta". Immer wieder läuft es auf Mime raus, seit er mit dieser Rolle 1997 in Augsburg debütiert hat. Kurz klingt Siegel so, als würde er das bedauern. Doch nach seinem Auftritt am Samstag war endgültig klar, weshalb sein Mime so gefragt ist. Stephen Gould hatte als Siegfried alle Mühe, sich neben dem kauzigen Zwerg zu behaupten. Stimmlich wie darstellerisch. Denn Siegel zählt zu den wenigen Sängern des neuen Bayreuther "Rings", die die Dorst'sche Leere füllen, ihre eigene Regie ins zähflüssige Geschehen einbringen. Und sein Mime ist keine Endstation wie bei so manchen Wagner-Tenören, also ganz schön kraftvoll. Da muss er sich manchmal sogar bremsen, seine Stimme im Siegfried-Format deutlich runterfahren. Was kommt noch? "Wagner ist o.k., aber Strauss würde mich sehr reizen, das liegt mir", sagt Siegel. Jetzt muss er langsam wieder zum Festspielhaus. Maske, Einsingen und so fort. Einkaufen ist nicht mehr drin. Kurz bevor er endgültig in den Wagner-Kosmos verschwindet, dreht er sich noch mal um: "Und ich würd' so gern mal wieder in Trier singen."