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Ein neuer Blick auf die alte Heimat

Ein neuer Blick auf die alte Heimat

Viele Jahre haben der ehemalige ARD-Korrespondent Tom Buhrow und seine Frau Sabine Stamer in den USA und in Frankreich gelebt. Über ihren Neuanfang in der alten Heimat Deutschland haben sie gemeinsam ein Buch geschrieben und sind damit am Samstag, 15. September, zu Gast beim Eifel-Literatur-Festival in Prüm.

Prüm. Zwölf Jahre sind eine lange Zeit. Als dem ARD-Korrespondenten Tom Buhrow 2006 die Stelle des Tagesthemen-Moderators angeboten wird, kehrt er zusammen mit seiner Frau und den zwei Töchtern aus Washington nach Hamburg zurück. Der lange Auslandsaufenthalt führt dazu, dass das Ehepaar seine alte Heimat neu entdeckt und darüber schreibt. Die persönlichen Eindrücke wurden mit Recherchen zu Themen wie Zuwanderung, Ost-West-Entwicklung oder Bildung angereichert. Mit TV-Redakteurin Stefanie Glandien sprachen sie über ihr gemeinsames Buch "Mein Deutschland - dein Deutschland."

Mehr als zehn Jahre haben Sie in Washington gelebt, zwei Jahre in Paris, seit 2006 sind Sie wieder in Hamburg - wo gefällt es Ihnen denn am besten?
Sabine Stamer: Drei wunderschöne Städte! Wir hatten großes Glück. Washington wird von vielen Reisenden unterschätzt. Es ist sehr abwechslungsreich, nicht nur bieder und staatstragend, wie viele denken, sondern auch cool und kultig, mit ganz unterschiedlichen Stadtteilen, ethnisch sehr gemischt, mit besten Restaurants jeder Kategorie, unzähligen Museen, die zum großen Teil noch nicht mal Eintritt kosten.
Tom Buhrow: Hamburg ist unser neues Zuhause geworden. Selbst ich als Rheinländer fühle mich sehr wohl an der Elbe. Die Hansestadt ist eine Großstadt mit ruhigem Pulsschlag, das gefällt mir. Und dann die Elbe: Am einen Ufer Badestrand und direkt gegenüber ein arbeitender Hafen - wo gibt es das noch mal? Ein herrliches Terrain zum Joggen.

Was ist Ihnen als Erstes aufgefallen, als Sie nach so langer Zeit nach Deutschland zurückgekommen sind?
Buhrow: Wie rasant sich die östlichen Bundesländer entwickelt haben. Auf unseren Lesereisen haben wir festgestellt, dass viele hübsch restaurierte Klein städte im Osten sich von idyllischen Städtchen im Westen kaum mehr unterscheiden. Was sich da in zwei Jahrzehnten getan hat, ist eine unglaubliche Leistung!

Ihre Kinder mussten häufig die Schulen wechseln. Welches Schulsystem hat Ihren Kindern am meisten zugesagt und warum?
Stamer: In Washington hat uns gefallen, dass die Schulzeiten sehr geregelt waren. Die Kinder gingen jeden Morgen um 8.30 Uhr hin und kamen um 15.30 Uhr nach Hause. Jeden Tag! Der Unterricht ist nie, wirklich nie, ausgefallen. Warum schaffen die das und wir nicht? Außerdem spielte die Motivation der Kinder eine große Rolle. Und es wurde versucht, Schülern mit unterschiedlichen Fähigkeiten gerecht zu werden.
Buhrow: Allerdings, spätestens in den höheren Klassenstufen, müssen viele amerikanische Eltern überlegen, ihre Kinder auf eine Privatschule zu schicken, weil in vielen Regionen die öffentlichen Schulen schlichtweg inakzeptabel sind. In Deutschland haben wir - bei aller Kritik - ein flächendeckendes passables öffentliches Schulsystem.

Sie beobachten, dass wir nicht bürgerlich sein wollen, sondern möglichst locker, und dabei total verkrampfen. Wie macht sich das bemerkbar?
Buhrow: Nehmen wir ein Beispiel aus unserem beruflichen Umfeld: Ein Redakteur wird Ressortleiter. Er steigt auf. Fortan besucht er regelmäßig Konferenzen auf höherer Ebene der Hierarchie. Die Anwesenden, alle schon länger als er leitende Funktionsträger, erscheinen selbstverständlich mit Krawatte. Bisher war er immer in Jeans und Hemd zum Dienst erschienen, ebenso wie seine Kollegen. Nun steht er vor einem Dilemma: Kommt er ab jetzt im Anzug ins Büro, werden ihn seine Redaktionskollegen des Kriechertums verdächtigen, bleibt er bei seinen Jeans, werden ihn die Führungskräfte wahrscheinlich nicht als einen der Ihren akzeptieren. In der Illusion, es werde niemandem auffallen, entscheidet er sich für einen allmählichen Übergang: Krawatte zur Jeans, Anzug mit offenem Hemd. So signalisiert er: "Ich bin arriviert, aber nicht korrumpiert", und: "Ich bin ein Boss, aber kein Spießer."

Wird es ein weiteres gemeinsames Buch von Ihnen geben, und wenn ja, welches Thema wird es behandeln?
Stamer: Nach dem Buch "Mein Deutschland - Dein Deutschland" haben wir ja noch eine gemeinsame "Gebrauchsanweisung für Washington" geschrieben. Wir denken über ein weiteres Buch nach, aber das ist noch nicht spruchreif.

Sie treten zum zweiten Mal gemeinsam beim Eifel-Literatur-Festival auf. Hatten Sie beim letzten Besuch Zeit, sich etwas anzusehen?
Buhrow: Wir kennen die Eifel aus unserer Kölner Zeit. Eine schöne Gegend zum Ausspannen und Spazierengehen. Eine Kollegin war damals mit ihrem Mann in die Eifel gezogen, und wir besuchten sie ab und zu. Ich als Siegburger kenne die Eifel natürlich schon aus der Grundschulzeit von Ausflügen und der Heimatkunde.
Stamer: Und außerdem sind wir sehr beeindruckt, wie viele Menschen sich auf den Weg quer durch die Eifel machen, wenn Josef Zierden zu den Veranstaltungen des Literaturfestivals einlädt! sn
Lesung am Samstag, 15. September, um 20 Uhr in der Ex-Hauptschule in Prüm. Karten: TV-Service-Center Bitburg, Wittlich und Trier.