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Ein Österreicher soll es richten: Kommission schlägt Karl Sibelius als Intendant des Trierer Theaters vor

Trier. Aus 72 mach’ eins: Nach dieser Formel haben Triers Kulturdezernent Thomas Egger und seine Findungskommission innerhalb weniger Wochen das Bewerbungsverfahren um den Job des Theater-Intendanten zum Ziel geführt. Auf das Ergebnis hätte kaum jemand gewettet. Dieter Lintz

Vom Landkreis Rottal-Inn aus betrachtet, ist das Trierer Stadttheater ein Riesen-Haus. Das Budget am Augustinerhof ist zehn Mal so hoch wie im kleinen "Theater an der Rott", es gibt ein Ensemble, ein Orchester, und pro verkauftem Ticket wird an der Mosel die dreifache Zuschuss-Summe draufgelegt. Wenn Karl Sibelius im Sommer 2015 Theater-Intendant in Trier wird - und dafür spricht alles -, dann müsste er sich eigentlich wie im Paradies fühlen.

Als Intendant preisgekrönt

Vielleicht war es seine Erfahrung im Umgang mit wenig Geld, die Sibelius zum Favoriten der Findungskommission werden ließ - im Finale gegen einen Kollegen, der scheinbar die besseren Karten hatte, seine Meriten aber an einem großen Nationaltheater sammelte. Es hätte bequemere Aspiranten gegeben als den schillernden, streitbaren, oft als begnadeten Selbstdarsteller beschriebenen Österreicher.

Aber möglicherweise entsprach Sibelius einfach nur am ehesten dem fast unerfüllbaren Profil der eierlegenden Wollmilchsau, das der Trierer Ausschreibung zugrunde lag. Zwei Jahrzehnte war er Darsteller am Theater Linz, ein Star des Ensembles, gefeiert vor allem in Musicalrollen, aber auch als Hamlet. Ein bunter Hund, der transsexuelle Kunstfiguren erfand, die Eröffnung der europäischen Kulturhauptstadt moderierte und sogar eine Fernseh-Talentshow gewann.

Aber Sibelius wollte mehr. Er führte Regie, vom Käfig voller Narren bis Fidelio. Vor allem aber studierte er Theatermanagement, erst in Wien und dann im europäischen Renommier-Studiengang für angehende Intendanten in Zürich. Er absolvierte Praktika bei Banken, lernte Marketing, entwickelte Konzepte für "Change Management" bei Theater-Umstrukturierungen, schrieb die Master-Arbeit über Preismanagement in Kulturbetrieben.

Da war es nur konsequent, dass er den Ensemble-Job in Linz aufgab und 2012 seine erste Intendanten-Stelle in Eggenfelden antrat. Schon nach der ersten Spielzeit räumte er den Jury-Preis bei den bayerischen Theatertagen ab und den angesehenen Preis der Deutschen Bühne "für innovative Arbeit abseits der Zentren".
Gerade Letzteres dürfte in Trier Eindruck gemacht haben. So wie die ganze Präsentation des Kandidaten. "Er kam sehr gut rüber", so viel lassen sich viele Kommissions-Mitglieder entlocken - ansonsten haben sie sich strikte Vertraulichkeit auferlegt. Wie man hört, hat der gebürtige Kärntner aber nicht nur die Vertreter der Fraktionen - mit Ausnahme der Linken - überzeugt, sondern auch die als Experten hinzugeladenen Intendanten Catherine Miville (Gießen) und Frank Feitler (Grand Théâtre Luxemburg). "Diese Entscheidung erweckt Hoffnungen, auch für eine zukünftige Zusammenarbeit mit Luxemburg", lässt Feitler wissen - fast schon eine Art Ritterschlag.

Kleingedrucktes noch zu klären

Der designierte Intendant selbst ist das, was er nach Auskunft von niederbayerischen Medienkollegen sonst eher selten ist: schweigsam. Er wolle, lässt er ausrichten, den Entwicklungen nicht vorgreifen. Vielleicht will er auch seinem Hang zum Polarisieren keinen Raum geben, bevor der Vertrag unter Dach und Fach ist. Und da dürfte noch einiges an Kleingedrucktem zu klären sein. In früheren Intendantenverträgen hat die Stadt sehr viel offen gelassen - und es gelegentlich hinterher bereut.

Dank der flotten Arbeit der Kommission ist zum Verhandeln allemal Zeit genug. Zunächst hat diese Woche der Kulturausschuss das Wort, bis Monatsende müssten dann die Details geklärt werden. Dann kann der Stadtrat im April Nägel mit Köpfen machen, rechtzeitig vor der Kommunalwahl - und bevor Kulturdezernent Egger in Vaterschaftsurlaub entschwindet. Kommentar: Lobenswerte Risikobereitschaft

Die Findungskommission hat sich für den Paradiesvogel entschieden, nicht für die Verwalter des Bestehenden. Es hätte auch andere gute Kandidaten gegeben, aber keinen, der in vergleichbarem Maße verspricht, neue Wege zu suchen. Karl Sibelius hat das Handwerk Kultur von zwei Seiten aus gelernt: von der des Künstlers, aber auch von der des Kunstmanagers. Ein Intendant braucht heute einen Schuss Dr. Jekyll und Mr. Hyde: Mal schräger Vogel, mal kühler Rechner. Sibelius ist ein Querdenker, ein Neu-Erfinder, ein Polarisierer. Es ist sicher kein Zufall, dass einem da der letzte Österreicher auf dem Intendanten-Sessel einfällt.

So etwas kann schiefgehen, aber es kann auch neue Perspektiven eröffnen. Und die braucht das Haus angesichts des notwendigen Publikums-Umbruchs, der anstehenden Baumaßnahmen und des anhaltenden Ungleichgewichts von Finanzbedarf und städtischer Realität. Es ist ein Himmelfahrtskommando, das Karl Sibelius da antritt. Die städtischen Kulturpolitiker gehen das Risiko mit. Das ist gut so. Im Sinne des klugen Barockdichters Friedrich von Logau: "In Gefahr und großer Not bringt der Mittelweg den Tod."
d.lintz@volksfreund.de