1. Region
  2. Kultur

Ein Stück deutscher Jazzgeschichte

Ein Stück deutscher Jazzgeschichte

Gleich im Doppelpack war am Schloss Beaufort in Luxemburg hochkarätiger Jazz zu erleben. Saxofonlegende Klaus Doldinger und seine Band Passport gaben ein grandioses Konzert mit Höhepunkten aus ihrer über 40-jährigen Geschichte. Danach standen mit dem Trio Khalifé-Schumacher-Tristano junge Superstars der luxemburgischen Szene auf der Bühne.

Beaufort. "Normalerweise spielt Passport drei Stunden", merkt Klaus Doldinger bedauernd an, als er sich wegen des nachfolgenden Konzertes mit seiner Band verabschieden muss. Da sind bei anderen Musikern übliche 105 Minuten schon um und die Erwartungen mehr als übertroffen.
Zurück, so zeigen es die Ovationen der 500 Besucher, bleibt das dringende Bedürfnis, den Hut zu ziehen. Vor einem Mann, der sich mit 78 Jahren, energiegeladen wie eh und je, als echte Instanz präsentiert, einer Band, die ihn wie ein symbiotischer Organismus umgibt und Musik, die mit ihrem Zeiten überdauernden Format Herz, Hirn und Bauch berührt.
Damals mit Udo Lindenberg


Zu Beginn gibt es Titel aus dem neuesten Album "Inner Blue", die traumschöne Ballade "Dark Flame" oder das hochdynamische "Mandragora". Es wurde erstmals auf "Second Passport" veröffentlicht, dem zweiten Album der 1971 noch mit Udo Lindenberg am Schlagzeug gegründeten Band. Damit geht es auf Zeitreise, die den Bogen von "Will o\'the wisp" aus dem Erfolgsalbum "Ataraxia" von 1978 über "Riyad El Cadi" und "Djema el-Fna" aus "Passport to Morocco" (2006) bis hin zu Doldingers einprägsamen Filmmusiken "Samba Cinema" und "Das Boot" (1981) schlägt.
Das alles ist Fusion-Jazz im besten Sinne. Doldinger hat unterschiedlichste Impulse aus Reisen, Zeitströmungen und Begegnungen - auch mit Künstlern anderer Sparten wie Regisseur Wolfgang Petersen - aufgenommen und verarbeitet. Herausgekommen sind Arrangements, deren Perfektion ihresgleichen suchten, bei denen einfach alles passt, auch wenn es unvereinbar scheint.
Beispielsweise zaubert die mit vier Leuten üppig besetzte Rhythmusgruppe authentisches Orientflair, aus dem durch elek-trisierende Keyboardsequenzen plötzlich eine Technonummer wird. Alles, was die Band spielt, zeichnet sich durch dichte Atmosphäre und hohe Dynamik aus. Nicht zuletzt, weil Doldinger seinen Kollegen Michael Hornek (Keyboard), Ernst Ströer und Biboul Darouiche (Perkussion), Christian Lettner (Drums), Patrick und Martin Scales (E-Bass und Gitarre) viel Raum zur Entfaltung gibt.
Er selbst glänzt an verschiedenen Saxofonen und orientalischer Flöte, transportiert das wärmende Herzblut dieses Auftritts auch in seinen Moderationen. Zum Schluss gönnt er dem hingerissenen Publikum noch zwei Schmankerl, die 1970 geschriebene und 2000 erstmals im Konzert gespielte Tatort-Musik und, "weil Blues das Beste im Jazz ist", den Blues, den er zum 50. Jahrestag vom Ende des Zweiten Weltkriegs komponiert hat.
Tranceartige Klanggemälde


Der anschließende Auftritt des Pianisten Francesco Tristano, dem mit dem JTI Trier Jazz Award ausgezeichneten Vibra-phonisten Pascal Schumacher und dem Perkussionisten Bachar Khalifé ist eine würdige und passende Ergänzung zum Passport-Konzert. Wie Doldinger einst sind auch diese Musiker schon in jungen Jahren erfolgreich und wegweisend. Sie spielen avantgardistischen, sehr perkussiv und in Teilen minimalistisch aufgefassten Jazz. Mit der Kombination von akustischen Instrumenten mit elek-tronischen Effekten schaffen sie oft tranceartige Klanggemälde. Das ist individuell und sehr interessant, doch etlichen der Zuschauer bei fortgeschrittener Stunde und Kälte zu viel, so dass dieser gehaltvolle Abend leider vor ziemlich geleerten Rängen endet.
Drei der Passport-Musiker, Biboul Darouiche, Christian Lettner und Michael Hornek, kommen am Donnerstag, 7. August um 20 Uhr mit ihrem Projekt Darouiches Soleil Bantu zu Jazz im Brunnenhof nach Trier.