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Ein Tanz auf dem Vulkan

Sidonie Smith als Nachtclubsängerin Sally Bowles ganz in ihrem Element: dem Rampenlicht. Foto: Edouard Olszewski
Sidonie Smith als Nachtclubsängerin Sally Bowles ganz in ihrem Element: dem Rampenlicht. Foto: Edouard Olszewski FOTO: (g_kultur
Trier. Glitzervorhang, Showgirls, Pelzmantel und Alkohol in rauen Mengen, aber auch die Schrecken der Nazis: Das Theater Trier lässt im herausragenden Musical "Cabret" die Dreißigerjahre im Kasino aufleben. Stefanie Braun

Trier. Dicke, schwere Großstadtluft, Bars und Clubs an jeder Ecke, die Nächte eine einzige, atemlose Party: Berlin is the place to be, könnten sich die Nachtclubsängerin Sally Bowles und der erfolglose Schriftsteller Clifford Bradshaw gedacht haben, als sie sich für die deutsche Stadt als Lebensort entschieden haben.
Es ist Anfang der Dreißigerjahre. Er ist auf der Suche nach der Geschichte seines Lebens, sie auf der wöchentlichen Suche nach einem Mann, in dessen Wohnung sie unterschlüpfen kann. Viel Zeit wird und will die quirlige Lebefrau ohnehin nicht mit "dem Einen" verbringen. Das Leben soll locker leicht und fröhlich sein, rauschhaft und schnell, ein Cabaret eben. Die beiden werden Hals über Kopf ein Paar, die Lebens-Party wird noch schöner. Im Film würde jetzt eine Katastrophe über sie hereinbrechen, wie ein Vulkanausbruch oder so, scherzt Clifford, einfach weil's gerade so lustig wird. Und es werden gleich zwei Katastrophen: Sally wird schwanger, und die Nazis stehen kurz vor der Machtergreifung. Das Leben wird für eine kurze Zeit zum Tanz auf dem brodelnden Vulkan.

Das Musical "Cabaret" von John Kander und Fred Ebb basiert auf den beiden Romanen "Mister Norris changes trains" und "Good Bye to Berlin" von Christopher Isherwood. Der Autor hat selbst im Berlin der Dreißigerjahre gelebt, auch er floh wie die Figur Clifford gerade noch rechtzeitig vor dem Naziregime. Kurz bevor die Luft zu schwer wurde zum Atmen, und die Partystimmung zu kippen drohte. Dieses Gefühl konnten die rund 100 Premierenzuschauer des Theaters Trier im Kasino am Kornmarkt erleben. Die Regisseure Tobias und Laura Goldfarb und Lauras Zwillingsschwester Lisa Quarg geben Einblick in eine surreale, gerade erst vergangene Welt, eine kurze, zwanghaft lebensbejahende Zeit zwischen zwei Weltkriegen, Inflation und zarten Anfängen einer Globalisierung. So wird aus Triers Kasino ein Berliner Nachtclub, eine Pension, ein jüdischer Obstladen, aber auch ein Schaustück über politische Ignoranz und die Folgen dieser.
Die Hochzeit von Frau Schneider (Barbara Ullmann) und Herrn Schultz (Klaus-Michael Nix) platzt, weil Frau Schneider sich in voreiligem Gehorsam in ihr Wohnhaus zurückzieht, und davon ausgeht, dass sie diese Schreckenszeit auch irgendwie überstehen wird. Herr Schultz flüchtet sich ein paar Straßen weiter, will den rettenden Schritt ins Ausland jedoch nicht antreten. Zu sehr fühlt er sich als Deutscher. Der Part der beiden ist herzergreifend, ohne schnulzig zu werden, verständlich und doch nicht begreifbar.

Cliffs Freund Ernst Ludwig ist beinahe unbemerkt zum Nazi geworden. Wie eine Schlange häutet er sich aus dem braunen Mantel und offenbart die rote Armbinde, wie eine neue Haut. Christian Beppo Peters, der mit seinen Gefühlen für Cliff die Beziehung zwischen Sally und Cliff zu einer Dreieckbeziehung öffnet, spielt wunderbar doppelbödig, wie aus dem Nachbarn der Nazi wurde und verdeutlicht so nur nochmal, wie fest die Bevölkerung die Entwicklungen im eigenen Land verschlafen wollte. Während Cliff ihr mehrmals sagt, dass sie aufwachen soll, entscheidet sich Sally (Sidonie Smith) dazu, in ihrem Partytraum zu bleiben und weiterzuhoffen, dass sich alles schon irgendwie wieder einrenken wird. Norman Stehrs Cliff bleibt ein Spielball der geschichtlichen Entwicklungen, ohne einen hilflosen Anschein zu bekommen. Er flieht, weil es das Einzige ist, was er tun kann. Am Schluss bleibt nur der Conferencier (Christopher Ryan), um im KZ-Häftlingshemd den verbliebenen Zuschauern eine "Gute Nacht" zu wünschen. Optisch mit Puppenmaske, ist er doch als unheimlicher Puppenspieler und übergreifender Showmaster allgegenwärtig im Stück.Überzeugend, stimmig, intensiv


Die Leistungen der Darsteller sind durchweg überzeugend, das Spiel intensiv, die Charaktere stimmig. Einen Minuspunkt gibt es für das Zusammenspiel zwischen Pianist (Dean Wilmington) und den Sängern. Da sitzt mancher Ton und mancher Einsatz nicht zu 100 Prozent, was zum Teil an der Entfernung im Raum liegen kann. Ein Spielort, der Atmosphäre fördert, den Zuschauer und die Akteure aber auch fordert. Wer Glück hatte bei der Platzwahl, sah alles ohne große Mühen, wer Pech hatte, musste sich drehen und strecken, um beispielsweise das Bett direkt am Eingang neben der Bar sehen zu können.
"Cabaret" wird gleich zum Start der Spielzeit zum Glanzstück des Musicalensembles. Eben gerade durch den ungewöhnlichen, passenden und doch anstrengenden Spielort, der aus Inszenierung und Darstellern viel herausholt, aber vor allem das Beste.