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Kultur
Ein Tanz durch die Gefühlswelten

Barbara Ullmann verkörpert in „Sechs Tanzstunden in sechs Wochen“ eine knöcherne und frustrierte Dame. Michael Minetti (Dimetrio-Giovanni Rupp) spielt eine temperamentvolle Nervensäge mit bitterem Humor.
Barbara Ullmann verkörpert in „Sechs Tanzstunden in sechs Wochen“ eine knöcherne und frustrierte Dame. Michael Minetti (Dimetrio-Giovanni Rupp) spielt eine temperamentvolle Nervensäge mit bitterem Humor. FOTO: TV / Marco Piecuch
Trier. Gelungener Einstand mit „Sechs Tanzstunden in sechs Wochen“ für zwei Neue am Theater Trier: Dimetrio-Giovanni Rupp, Schauspielensemble, und für Dauer-Gastregisseur Ulf Dietrich. Von Mechthild Schneiders

So gehen Liebesgeschichten. Frau lernt Mann kennen, sie streiten, lenken ein, zoffen, versöhnen sich. Dazwischen natürlich die „endgültige“ Trennung – gerne auch mehrmals. Zum Schluss: Happy End. Wie in einem Schundroman. So kurz, so trivial.

Doch Richard Alfieris „Sechs Tanzstunden in sechs Wochen“ ist nicht trivial. Die Charaktere nicht flach, sondern mehrdimensional und voller Ecken und Kanten.

Da ist Lily Harrison, die ältere Witwe eines erzkonservativen Baptistenpredigers, die sich, um ihrem Leben wieder einen Schuss Leben zu verleihen, einen Tanzlehrer ins Haus bestellt. Die Zuschauer sitzen sozusagen mit im Wohnzimmer – das Studio des Theaters Trier ermöglicht diese intime Atmosphäre.

Barbara Ullmann, durch Maske und Kostüm (Dietmar Tessmann) stark gealtert, verkörpert eine knöcherne und frustrierte Dame. Michael Minetti (Dimetrio-Giovanni Rupp) zeigt sich als temperamentvolle Nervensäge mit bitterem Humor. Und er ist schwul, aber ohne jede Spur von Tuntigkeit. Da prallen zwei Welten, zwei Planeten, aufeinander – mit den entsprechenden Folgen beim ersten Treffen: Kaum in der Tür, will Lily Michael wieder vor dieselbe setzen. Doch der appelliert an ihr Mitleid, mit einer Lüge, die schon in der zweiten Tanzstunde auffliegt. Und wieder ist das Vertrauen gestört.

Da kommt der Tanz ins Spiel. Mit viel Gefühl choreographiert Paul Hess – in den vergangenen Spielzeiten Mitglied im Trierer Tanzensemble – diesen Mix aus Zank, Lügen und Enthüllungen zu harmonischen Schrittfolgen in Swing, Tango, Walzer, Foxtrott, Cha-Cha-Cha und Modern Dance. Der Tanz ist Mittel zum Zweck; er bringt die beiden unterschiedlichen Personen immer wieder zusammen – wie der Sex bei oben angedeutetem Liebespaar. Dann huscht ein Lächeln über die Lippen der Schauspieler, entspannen sich die Gesichtszüge. Im Tanz genießen sie die Zweisamkeit.

Diese zarten Gefühlsregungen arbeitet Regisseur Ulf Dietrich ebenso feinfühlig heraus wie die Streitszenen, die nie überdreht wirken, und den Humor. Man kann in einem Moment herzlich lachen, dann wieder bleibt einem dasselbe im Halse stecken. Dietrich versteht es, den leisen Untertönen Lautstärke zu verleihen.

Die Besetzung ist ein Glücksgriff: die alte Dame eine wohl Vertraute, ihr Gegenüber ein Neuling am Theater Trier – und ein Dreamteam, das hervorragend harmoniert. Ullmann spielt in der intensiven Komödie ihr gesamtes Repertoire an Ausdrucksmöglichkeiten aus. Tanz für Tanz kommt Rupp dem Publikum näher. Schon beim Theaterfest zu Monatsbeginn hat sein Talent neugierig gemacht auf ihn und das Stück – beides zu Recht. Rupp entpuppt sich als Charmeur, Latin Lover, Zicke und als Bewegungstalent. Man darf gespannt sein, was noch in dem 29-Jährigen steckt. Die nächste Gelegenheit, das zu entdecken, bietet sich bei der Premiere von „Piaf“ am Samstag, 27. Oktober, ebenfalls unter der Regie von Ulf Dietrich.

Die bereits angekündigten Vorstellungen sind ausverkauft. Zusatztermine: 29. Oktober, 8., 22. November, 3., 10. Dezember, jeweils 20 Uhr. Theaterkasse, Telefon 0651/718-1818.

Sechs Tanzstunden in sechs Wochen
Sechs Tanzstunden in sechs Wochen FOTO: TV / Marco Piecuch