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Ein Wandersmann am Golf von Tarent

Ein Wandersmann am Golf von Tarent

"Am Broadway" heißt Götz Alsmanns (nun nicht mehr ganz so neues) Programm. Für Trier war’s jedoch eine Premiere - und das Publikum in der fast ausverkauften Europahalle feierte den Entertainer, Sänger, Pianisten und ehemaligen "Zimmer-frei"-Moderator mit langem Applaus.

Trier. Wer die großen amerikanischen Komponisten liebt, liebt sie in der Regel in der Originalfassung. George (beziehungsweise der für die Texte verantwortliche Bruder Ira) Gershwin, Harold Arlen oder Lorenz Hart (der mit Richard Rodgers zusammengearbeitet hat) auf Deutsch - das kann (und mag) man sich gar nicht vorstellen. Deren "lyrics" sind nämlich so genial, dass jede Übertragung vor ihnen kapitulieren muss. Der Witz, der Zynismus, die Frivolität, die augenzwinkernde Doppeldeutigkeit kommen so beiläufig daher, als wäre Texteschreiben die einfachste Sache der Welt. Und selbst, wo es romantisch wird, treten die US-Verseschmiede den Schmalztopf einfach mit einer unversehens sarkastischen Wendung beiseite, geben die Gefühle dem befreienden Lachen, aber nie der Lächerlichkeit preis.
Mag sein, dass das Verfassen von Texten auf der anderen Seite des Atlantiks mit mehr Liebe, Sorgfalt und Professionalität betrieben wird, vielleicht auch, dass es am (leichter zu reimenden?) Englisch liegt. Tatsache ist, dass die deutschsprachigen Versionen amerikanischer Evergreens sich nie richtig durchsetzen konnten, weil sie - mit wenigen Ausnahmen - stets eine flaue Nachschöpfung ideensprühender Originale blieben.
Flaue Nachschöpfung


Zu den wenigen Ausnahmen gehören etwa die Übersetzungen von Robert Gilbert oder Mischa Mleinek, der Songs von Cole Porter für Hildegard Knef übersetzt hat. Von Gilbert hat Götz Alsmann zwar zwei Titel im Programm, ansonsten verzichtet der Musiker leider auf derlei Geniestreiche bei seinem Konzert, das er dem Broadway gewidmet und mit dem er nun in der Trierer Europahalle Station gemacht hat. Stattdessen gräbt Alsmann Uralt-Versionen aus etwa von Günther Schwenn (der aus Nat King Coles "Nature Boy" "Ein Wandersmann" machte) oder Fritz Rotter ("That old black Magic" - "Der alte Zauber"), die dem Original nicht einmal den Radiergummi, geschweige denn den gespitzten Bleistift reichen können. Und wenn aus dem ebenso schlichten wie raffinierten "Blue Moon" von Rodgers & Hart ein Italo-Schmachtfetzen wird ("Es war in einer Mondnacht am Meer, am blauen Golf von Tarent"), winken sofort Rudi Schurikes "Caprifischer" der bella bella Marie am Ufer zu.
Und wo bleibt das Positive? Die Musik und ihre Interpreten. Alsmann hat die Songs rhythmisch aufgerüstet und aufgefrischt mit Paso Doble, Cha-Cha- und Rumba-Rhythmen und so dem Altbekannten überraschende Klangperspektiven verliehen. Er ist sich selbst ein versierter Begleiter am Flügel mit einer Stimme, die auch die extremen Tonlagen nicht zu fürchten braucht, und als souveräner Leiter seiner Band erschafft er perfekte Harmonie.
Seine vier Mitstreiter sind großartig: Altfried M. Sicking sorgt an Vibraphon, Xylophon und Glockenspiel (und hin und wieder mit der gestopften Trompete) für die entsprechenden atmosphärischen Grundierungen der Songs, Ingo Senst am Bass und Rudi Marhold am Schlagzeug bauen das stets verlässliche rhythmische Gerüst, das der Perkussionist Markus Paßlick mit Bongos, Congas und allem, was rasselt, klingt, scheppert und schrillt, klangvielfältig unterfüttert.
Und der Maestro selbst führt anekdotenreich, mit viel Ironie, noch mehr Selbstironie und ein paar sarkastischen Seitenhieben (etwa gegen den "unbekannten Meister der Vertäfelung" in der Europahalle) durch den Abend. Ganz zum Schluss greift er noch zum Banjo, um wenigstens einen deutschen Komponisten zu Gehör kommen zu lassen: Michael Jarys "Leise rauscht es am Missouri". Und so inbrünstig, wie Alsmann die Schnulze spielt und sich hingebungsvoll auf der schnarrenden Klampfe begleitet, muss man sich fragen, ob er das nun wirklich ernst meint oder doch augenzwinkernde Hintergedanken hat.
Wie auch immer: Eine Mordsgaudi war's allemal. no