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Eindringlich, aber nicht aufdringlich

Eindringlich, aber nicht aufdringlich

Ein Stück, das anrührt, ohne rührselig zu sein, eine handwerklich blitzsauber gearbeitete Oper, eine sehens- und hörenswerte Besetzung: Puccinis "La Bohème" im Trierer Theater ist eine rundherum gelungene Produktion.

Trier. Armut ist nicht idyllisch. Während Rodolfo, der Dichter aus der Pariser Künstler-WG, seinen Opern-Gassenhauer vom "eiskalten Händchen" singt, sitzt seine angebetete Wohnungsnachbarin Mimi am Tisch und stopft mit der Hast der Hungernden den Rest des Abendessens in sich hinein. Später, als er begriffen hat, dass sie an Schwindsucht erkrankt ist, schwankt Rodolfo zwischen seiner Liebe und dem Ekel vor Krankheit - verzweifelt versucht er, seine nach einem Hustenanfall blutigen Hände im Schnee zu reinigen. Am Ende, bei Mimis Tod, halten es Rodolfo und die Freunde nicht aus, verdrücken sich oder schauen beklommen weg, um das Elend nicht mitansehen zu müssen. Letztlich stirbt sie allein.Die Trierer Inszenierung lebt von solchen kontrastreichen Bildern. Sie sind eindringlich, aber nie aufdringlich. Regisseur Benedikt Borrmann bleibt bei aller Präzision der Beobachtung dezent, verzichtet auf vordergründige Provokation - und ist doch radikal, wenn es darum geht, der traurigen Geschichte allen süßlichen Kitsch auszutreiben. Dazu passt Manfred Breitenfellners (man hat ihn in Trier vermisst) typisches Bühnenbild: rohe Wände, schiefe Ebenen, ein diesiger Blick über triste Pariser Dächer in der Künstler-Mansarde, ein Café Momus ohne Weihnachtsglitter, gleich neben der Rotlichtzone, ein fast surreales Ambiente für die eisige Szene am frühen Morgen. Von wegen "arm, aber glücklich": Was man sieht, ist der mühsame Versuch des Künstler-Proletariats, einen Rest an Würde zu bewahren - was seinen Ausdruck auch in den sorgfältig gewählten Kostümen von Carola Vollath findet.Dirigent Victor Puhl legt den Sängern einen Klangteppich aus, der sie behutsam begleitet, nie zudeckt und aufs dicke Auftragen gänzlich verzichtet. Die Trierer Philharmoniker im Graben akzentuieren sauber, erzählen die Geschichten von Puccinis Musik, gießen aber zum Glück keinen Zuckerguss auf die ohnehin mastige musikalische Sahnetorte. So präsentiert wird deutlich, dass Puccini, entgegen manchen Vorurteilen, mit der Bohème eher ein Erbe von Verdi ist als ein Vorgänger von Lloyd-Webber.Souveränes Debüt

Die Besetzung macht Freude, allen voran Joana Caspars Mimi. Ein in jeder Hinsicht souveränes Rollendebüt, mit einer erstaunlichen sängerischen Leichtigkeit, gepaart mit darstellerischer Verve. Wer es nicht weiß, käme nicht auf die Idee, dass es ihr erster Vorstoß auf eine Partie dieser Dimension ist. Die Körpersprache, das stimmliche Umsetzen der Rolle: Alles offenbart ein bemerkenswertes Talent.Schön, dass es mit Svetislav Stojanovic in Trier endlich einen Tenor gibt, der ein glaubhaftes Rollenporträt liefern kann. Eine wunderschöne, klangvolle Mittellage, ein feiner Umgang mit dem gesungenen Wort, reichlich Spielfreude: Wäre da nicht noch eine gewisse Enge und Gepresstheit bei den Spitzentönen, Stojanovic wäre ein Fall für die ganz großen Häuser.Vorzüglich besetzt ist die Künstler-WG mit den Pracht-Baritonen Carlos Aguirre (Marcello) und Alexander Trauth (Schaunard) sowie Bass Pawel Czekala (Colline), der mit seiner kultiviert gesungenen "Mantel-Arie" überzeugt. Evelyn Czesla zeichnet eine starke Musetta ganz im Dienst des Regiekonzepts: weniger schillerndes Luxus-Weibchen als Getriebene ihrer Hassliebe zu Marcello. Liebevolle kleine Rollenporträts liefern Andrea Azzurini, Tim Heisse und Carsten Emmerich. Opernchor, Extrachor und der Kinderchor des Konzertchors meistern vorzüglich den Spagat zwischen präzisen gesanglichen Einsätzen und den hohen Anforderungen der Bewegungsregie.Ein guter Abend für das Trierer Theater und, zur rechten Zeit, ein starkes Plädoyer für das Ensembletheater - ist doch das komplette Stück mit eigenem Personal besetzt. Ausgiebiger, herzlicher Beifall im großen Haus, das seit Wochen als ausverkauft gemeldet war, aber noch locker Platz für 20 Besucher geboten hätte. Schade eigentlich. Weitere Vorstellungen am 5., 10., 14. Februar; 4., 10., 18. März; 9., 15., 18., 27. April. Info: www.theater-trier.de