Eine Dynastie wirft dunkle Schatten

Eine Dynastie wirft dunkle Schatten

Über ein Jahrhundert lenkte die Stahldynastie Röchling die Geschicke der Völklinger Hütte. Doch ihr unternehmerischer Erfolg hatte Schattenseiten. In einer Schau, die bis zum 26. April 2015 im Weltkulturerbe zu sehen ist, werden auch diese dargestellt.

Völklingen. Über viele Jahrzehnte stand der Name Röchling in erster Linie für erfolgreiches Unternehmertum, technische Höchstleistungen und den sozialen und wirtschaftlichen Aufstieg der Saar-Region. Ein Narrativ, das sich selbst nach der Stilllegung der Völklinger Hütte als langjähriger Produktionsstätte der Röchling\'schen Eisen- und Stahlwerke und seiner musealen Umwandlung lange Zeit hielt.
Wohl waren die harten Arbeitsbedingungen der zeitweise bis zu 17 000 Hüttenarbeiter in der Präsentation des Weltkulturerbes immer ein Thema, ein anderer, äußerst dunkler Aspekt jedoch blieb völlig außen vor: die Völklinger Hütte als Ort, an dem in der Zeit des Nationalsozialismus unter dem Namen Röchling über 12 000 Zwangsarbeiter unter unmenschlichen Bedingungen schuften mussten und mindestens 256 an den Folgen der Ausbeutung starben.
Antwort auf öffentlichen Druck


Seit einigen Jahren wandelt sich die öffentliche Meinung allmählich, kritische Bürger bewirkten zuletzt die Umbenennung eines nach dem verurteilten Kriegsverbrecher Hermann Röchling benannten Stadtteils und setzten die Anbringung einer "Stolperschwelle" in Gedenken an die Zwangsarbeiter durch. Die Forderung einer angemessenen Darstellung des Themas auch in der Hütte wurde von Jahr zu Jahr drängender. Nun hat Weltkulturerbechef Meinrad Maria Grewenig reagiert: "Die Röchlings und die Völklinger Hütte" ist der Titel einer Ausstellung, die in der Erzhalle zu sehen und auch als Antwort auf den öffentlichen Druck zu verstehen ist.
Um eines vorwegzunehmen: "Die Röchlings" klammert die lange verschwiegenen "dunklen Seiten" nicht aus, stellt sie aber auch nicht in den Mittelpunkt. Zwangsarbeit, Rastatter Prozesse, Rüstungsproduktion erscheinen hier als Teilaspekte einer Familien- und Unternehmensgeschichte, die in chronologischer Abfolge erzählt wird.
Von einem "Zwischenstand" der Aufarbeitung, auf dessen Basis weitere Ausstellungen folgen sollen, sprach Grewenig. Ein Zwischenstand, der erst jetzt erreichbar gewesen sei, da der Zugang zu vielen Archiven lange Zeit schwierig war, erläuterte die Historikerin Inge Plettenberg, auf deren Recherche die Schau gründet.
Die Darstellung beginnt mit einer Ahnengalerie der "Ur-Röchlings" und endet bei einer Fotoserie des heutigen Weltkulturerbes. Dazwischen: zum Teil noch nie öffentlich gezeigte, durchaus sehenswerte Exponate - etwa ein Originalbrief des Hütten-Gründers Carl (1827-1910), der sich über seinen Neuerwerb freut ("Habe gestern für 270 000 Mark die Völklinger Hütte gekauft") oder ein Skizzenbuch des damals 25-jährigen Hermann (1872-1955), der sich auf einer USA-Reise über neueste Methoden der Stahlherstellung informiert.
Zu sehen ist ein Arrangement an Stahlhelmen, das die Röchling\'sche Kriegsproduktion im Ersten Weltkrieg verdeutlichen soll, sowie ein Exemplar der zwei Meter langen V3-Granate, die die vollständige In-Dienst-Stellung der Hütte in die Aufrüstung im Zweiten Weltkrieg symbolisiert. Zur Veranschaulichung der Rastatter Prozesse, die 1949 mit einer Verurteilung Hermann Röchlings als Kriegsverbrecher endeten, steht ein rekonstruierter Zeugenstand in der Erzhalle. Daneben: das Skript eines "Weihnachtsmärchens", das Röchling während seiner Haft schrieb. Ein kurioses Dokument, das leider gänzlich ohne Begleittext daliegt.
Keine Namen, keine Biografien


Wie die Ausstellung überhaupt die Besucher mit einer ganzen Fülle an zum Teil kaum lesbaren Briefen, Aktenauszügen, Zeitungsartikeln ohne weitere erläuternde Texte alleine lässt. Besonders deutlich wird dies im Segment zur Zwangsarbeit: Das Auge bleibt hängen an einer Serie von Schwarz-Weiß-Fotos, die ausgemergelte Arbeiter hinter Stacheldraht zeigen, doch sie bleiben ohne Namen, ohne Biografie. Darunter: ein hinter Vitrinenglas ausgelegtes Namenregister der "Ostarbeiter". Ansonsten wird das Thema kaum emotional erfahrbar, Schilderungen aus dem werkseigenen KZ-artigen Arbeitserziehungslager Etzenhofen findet man zum Beispiel kaum.
Immerhin: Der Stand der wissenschaftlichen Aufarbeitung spiegelt sich erstmals auch in einer Darstellung in der Hütte. Das ist ein Fortschritt. Die dauerhafte Integration in das Weltkulturerbe wäre nun der nächste, wünschenswerte Schritt.
Die Ausstellung ist bis 26. April 2015 täglich von 10 bis 19 Uhr (im Winter bis 18 Uhr) geöffnet. Karten: 15 (ermäßigt 13) Euro; Jugendliche und Schüler bis 18 Jahre sowie Studierende und Auszubildende bis 27 Jahre haben freien Eintritt (mit gültigem Ausweis); weitere Infos unter Telefon 06898/9100100, E-Mail:
visit@voelklinger-huette.org ; Internet: <%LINK auto="true" href="http://www.voelklinger-huette.org" class="more" text="www.voelklinger-huette.org"%>

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