Eine Frau, die aus der Rolle fällt

Eine Frau, die aus der Rolle fällt

TRIER. Aktueller geht’s nicht: 56 Tage nach der Wahl der ersten Frau ins deutsche Kanzler-Amt präsentiert das Trierer Theater ein anspielungsreiches Stück über eine Karriere-Politikerin auf dem Weg nach oben. Die Schauspielerin Vanessa Daun hat sich den Mix aus Texten und Liedern selbst auf den Leib geschrieben.

Nein, es ist wahrlich kein guter Tag für die hoffnungsvolle Bundestagsabgeordnete, die sich mit einer feierlichen Rede bei ihren Wahlhelfern bedanken will. Nichts klappt. Selbst der Regenschirm klemmt. Gerade hat sie erfahren, dass das begehrte Familienministerium an eine Konkurrentin geht. Und dann merkt sie mitten in ihrem floskelgespickten Vortrag, dass mehrere Manuskriptseiten einfach fehlen. Das ist nicht vorgesehen in diesem Politikerinnen-Dasein, das so glatt und farblos ist wie der obligatorische Business-Hosenanzug. Improvisation gehört nicht zum Geschäft der "political class", deren Parteizentralen dem mittleren Management längst Textbausteine für alle Arten öffentlicher Auftritte mit auf den Weg zu geben pflegen. Prompt fällt die einstige Hoffnungsträgerin aus der Rolle. Die Wahrheit bricht ein in das schützende Gerüst aus wohlfeilen Phrasen. Im Moment der Niederlage wird eine verunsicherte, verletzte Frau sichtbar, die den Konflikt zwischen Karrierewünschen, Rollenerwartungen und Beziehungsansprüchen nur mühsam durch den Erfolg kaschiert hat. Ironie des Schicksals: Es ist genau der durch die Karriereplanung erzwungene Verzicht auf Kinder und Partnerschaft, der nun ihren Aufstieg bremst. Fürs Familienministerium hat man jemanden vorgezogen, der über Familie verfügt. Das Ende der Hoffnungen lässt die "geheimen Sehnsüchte" ans Tageslicht treten. Sie wäre so gerne romantisch, sexy, irrational - aber alle 30 "Ratgeber für erfolgreiche Frauen in Männerberufen", die sie gelesen hat, raten dringend von solcherlei Eigenschaften ab. Vanessa Daun beschreibt die zwei Gesichter ihrer Protagonistin in einem revue-artigen Mix von Texten und Liedern, von Ralf Soiron einfühlsam am Keyboard begleitet. Sie geizt nicht mit aktuellen Anspielungen von Angela Merkel über Condoleeza Rice bis Joschka Fischer. Da steckt viel intelligenter, gut beobachteter Stoff zum Nachdenken drin, aber vielleicht ein bisschen zu wenig Dramaturgie. Bis zum doppelbödig-finalen "Alles wird gut" entscheidet sich nicht so recht, ob es um Kabarett, Comedy oder Drama geht. Daun spielt stark, manchmal schon fast zu eloquent - im realen Leben sind Politiker(innen)-Darsteller meistens nicht so überzeugend. Unterhaltsam ist die musikalische Kommentierung, die auch schon mal eine Konterkarierung sein kann: Cabaret-Klassiker wie Tucholskys "Kompromiss" und Hollaenders "Sex-Appeal", 50er-Jahre-Schlager wie Hazy Osterwalds "Konjunktur-Cha-cha", "I feel pretty" aus der West Side Story. Auch da ist vieles flott aktualisiert und passt erstaunlich gut in die Zeit. Rühmanns "Hoppla, jetzt komm' ich" illustriert männliche Verhaltensmuster, und die weibliche Sehnsucht nach dem Mann, der klug und zärtlich, stark und partnerschaftlich zugleich ist, lässt sich offenbar auch nach 20 Jahren immer noch am besten mit Milvas "Zusammenleben" beschreiben.Heinz Rühmann, Milva und James Taylor

Den stärksten musikalischen Eindruck hinterlässt das überraschendste Stück des Abends: James Taylors "That Lonesome Road", jüngst durch die "Dixie Chicks" zu neuen Ehren gekommen. Einsam die Straße runterzulaufen, ohne sich nach anderen umzusehen, ohne irgendwas bereuen zu müssen: Vielleicht ist das wirklich die geheime Sehnsucht von Spitzenpolitikern, die doch immer auf ihre Wähler schielen müssen. Aber sicher wäre ich mir da nicht. Der lohnenswerte Abend im Weinhaus Brückenstraße, das sich zunehmend zu einer Theater-Dependance für Kleinkunst entwickelt, soll im Februar wiederholt werden. Infos an der Theaterkasse.

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