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Eine Frau, die nicht zu fassen ist

Eine Frau, die nicht zu fassen ist

Esperanza Spalding ist ein Name, den man sich merken sollte. In der Philharmonie Luxemburg hat die gerade 26-jährige Sängerin und Kontrabassistin ihre Visitenkarte abgegeben.

Luxemburg. Mit der gerade 26-jährigen Kontrabassistin und Sängerin Esperanza Spalding hat sich ein neuer Star der Jazz-Szene vorgestellt. Mit 20 wurde sie jüngste Professorin am renommierten Musik-College Berklee in Boston (USA), hat unter anderem mit Herbie Hancock und Joe Lovano oder bei Obamas Friedensnobel-Zeremonie gespielt. Was ihre Faszination ausmacht, lässt sich nach dem Konzert als musikalische Virtuosität und Sprengung stilistischer Grenzen kurzfassen.

Mit großer Experimentier- und Improvisationsfreude verweben sie und ihre erstklassige Band aus Pianist, Perkussionist, drei Streichern und Background-Sängerin Fragmente der Klassik, des traditionellen Jazz, des Latin und Pop. Scheinbar spielerisch entstehen hochkomplexe eigenwillige Klanggebilde zwischen energiegeladener Spannung und ergreifender Melancholie.

Durch zahllose Brüche in Rhythmik, Lautstärke und Tempo, durch sprunghaftes Anreißen und Verwerfen von musikalischen Strängen entwickeln sie sich absolut unvorhersehbar und sind damit alles andere als "Easy-Listening".

Tragende Elemente sind ein dynamischer, manchmal groovender "Pulsschlag", den Spalding auf dem Kontrabass vorgibt, und ihr Gesang. Der lässt sich am ehesten mit dem mythologischen Bild der Sirenen in Einklang bringen, denn außer in wenigen englisch- oder portugiesischsprachigen Balladen klingt ihre hohe Stimme betörend, fast beschwörend. Spalding inszeniert sich. Sie kommt spät auf die Bühne, zieht Jacke und Schuhe aus, schenkt sich Wein ein, spielt, ohne vom Publikum überhaupt Notiz zu nehmen oder ein Wort zu sagen. Nach dem letzten Ton zieht sie sich stumm an und geht. Und so zögern die Zuschauer, halten inne, weil sie nicht wissen, wann denn nun der richtige Zeitpunkt für Applaus ist. Am Ende jedoch siegt der Respekt vor einer jungen Künstlerin, mit deren Genie die Zuhörer erst noch wachsen müssen.