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Eine Geschichte zwischen Haute Cuisine, Hunsrück und Halbwelt

Geschichte : Kleinkriminelle Weihnachten

Eine Geschichte zwischen Haute Cuisine, Hunsrück und Halbwelt

Am Tag als Wham! „Last Christmas“ veröffentlichte, erhielt mein Vetter Günter von seiner Freundin den Laufpass. Danach war er saurer als der Regen, der damals über den Wäldern des Hunsrücks herniederging. Zwar hatte Günter ihr – anders als George Michael – nicht sein Herz geschenkt, doch immerhin eine mit Diamanten bestückte Herzkette. Nun fühlte er sich um 900 Mark betrogen. Oder sagen wir besser: um 280 Mark. Denn natürlich hatte Günter das glitzernde Stück nicht im qualifizierten Fachhandel erworben, sondern über seine gewohnt fragwürdigen Kanäle.

Seit jenen Tagen, da er in der Frachtabfertigung des Luxemburger Flughafens gearbeitet hatte, wusste er, dass es zwischen dem Start- und dem Zielpunkt von Waren zu „Streuverlusten“ kommen konnte. Immer mal wieder geschah es, dass die ein oder andere Kiste – statt im LKW der Spedition – in einem Privatfahrzeug landete. Der Rest war Routine. Mein Vetter kannte die Grenzübergänge, an denen man es mit den Kontrollen nicht ganz so genau nahm. Notfalls konnte man die Kartons auch eigenhändig über die Sauer tragen. Zwischen Weilerbach (Luxemburg) und Weilerbach (Deutschland) gab es eine Fußgängerbrücke, auf der nächtlicher Warenverkehr garantiert nicht gestört wurde.

Nun, da Weihnachten nahte, freute er sich auf eine ganz besondere Lieferung. Günter kannte eine Luxemburger Spedition, die jedes Jahr zur Adventszeit palettenweise Gänseleber, Austern, Hummer, Truthähne und Trüffel im Grand-Duché verteilte. Die „Schangen“, wie er die Untertanen des Großherzogs „Schang“, also Jean, spöttisch nannte, hatten definitiv feinere Gaumen als die Hunsrücker.

Dieses Jahr aber sollte alles anders werden. Endlich würde man auch im „Hunsbuckel“ mit Champagner statt mit Stubbis anstoßen! Und wie groß würde das Staunen sein, wenn statt der heimischen Leberwurstschmier eine Foie Gras auf Brioche kredenzt wurde! Zwar war unsere Bagage kulinarisch auf dem Stadium von Krommbierewurscht und Kappesmengsel stehen geblieben, doch zweifelte Günter keine Sekunde daran, dass selbst meiner asketischen Tante bei „Feuergras“ die Geschmacksknospen aufgehen würden. Und mein übergewichtiger Wirtschaftswunder-Onkel, der Essen nach der Größe der Portionen beurteilte? Auch ihm würde die Gänseleber sein Lästermaul stopfen – dessen war sich mein Vetter gewiss.

Selbstverständlich sollte sich das Ganze für ihn rechnen. Günter hatte fleißig Kleinanzeigen geschaltet. Mit den Formulierungen „Französischer Hochgenuss zu Hunsrücker Tiefpreisen“ und „Delikatessen billig essen“ traf er den Nerv einer kostensensiblen Kundschaft, die nicht danach fragte, wie es ihm gelang, Haute Cuisine zu Discounter-Preisen anzubieten.

Jetzt musste er nur noch die Ware über die Grenze bekommen. Doch dies gestaltete sich schwieriger als erwartet. Da er zu geizig gewesen war, in Deutschland zu tanken („Ich seh nicht ein, für jeden Liter drei Groschen mehr zu zahlen“), wurde nun der Sprit knapp. Immer weiter wanderte die
Tanknadel in den roten Bereich. Mit den Worten „Is‘ ja nicht mehr weit, gleich hab ich’s geschafft“ versuchte er sich krampfhaft zu beruhigen. Zwei Kilometer vor Erreichen der Tankstelle starb der Motor ab. Bei sintflutartigem Regen machte er sich mit dem Reservekanister auf den Weg. Erst eine Stunde später saß er wieder im Auto. Er ähnelte jetzt eher einer Wasserleiche als einem braven Tanktouristen.

Vielleicht war das der Grund, dass ihn der Mann im Zollhaus nicht wie sonst kommentarlos durchwinkte. Dann halt Plan B! Zöllner waren schließlich auch nur Menschen. Und manche von ihnen litten nach Erhalt einer kleinen „Provision“ plötzlich unter Sehschwäche. Dieser nicht! Als er meinen Vetter aufforderte, den Kofferraum zu öffnen, verlor Letzterer die Nerven. Er rammte den Fuß aufs Gaspedal und preschte los. Er fuhr, als wäre der Teufel hinter ihm her. Dabei war es nur ein hochmotivierter Zollbeamter, der am Vorabend „Auf dem Highway ist die Hölle los“ gesehen hatte und sich nun als rasender Gangsterjäger einen Namen machen wollte. Als dieser immer näher kam, schaltete mein Vetter die Scheinwerfer aus, schlug einen Feldweg ein und kam schließlich auf einem Bauernhof zum Halt. Ein wenig abseits der Wirtschaftsgebäude entdeckte er einen Schuppen, der unverschlossen war. Zum Überlegen blieb nicht viel Zeit. Eines war klar: Auf keinen Fall durfte man ihn mit dem Diebesgut erwischen. Also entlud er in Windeseile den Kofferraum und schaffte die Ware hektisch nach drinnen. Er blickte sich um und atmete auf – niemand in Sicht. Hier, zwischen Vorschlaghämmern und Mistgabeln, konnten die Leckerbissen erstmal bleiben. Am kommenden Abend steuerte mein Vetter erneut den Bauernhof an. Kurz vor Erreichen schaltete er wieder die Schweinwerfer aus und ließ den Wagen ausrollen. Er erschrak: Die Schuppentür schien leicht geöffnet. Doch kurz darauf atmete er auf: Sämtliche Kartons waren noch da. Weihnachten war gerettet!

Wir haben später versucht zu rekonstruieren, was genau passiert ist. Mein Onkel, geschäftsmäßig wie immer, meinte nur, da sei wohl jemand bauernschlauer als Günter gewesen. Nie werde ich vergessen, wie meinem Vetter beim Öffnen der Kartons die Mimik entgleiste. Bei Karton 1: Erstaunen – „das ist doch kein Champagner, das ist… Viez!“ Bei Karton 2: Entgeisterung – „das ist keine Gänseleber, das ist… Griebenschmalz!“ Bei Karton 3 bis 6, die statt der erwarteten Hummer und Trüffel diverse Pökelwaren enthielten: sprachloses Entsetzen. So kam es, dass wir vor der Christmette Mettwürste und Kartoffelsalat aßen, alldieweil auf einem Bauernhof unweit der Luxemburger Grenze die Champagnerkorken knallten. Frank Jöricke